Im Gespräch mit Helmut Zierl

„Stillstand gibt es nicht“

Helmut Zierl gehört zu den bekanntesten Gesichtern des deutschen Fernsehens. Seit über 50 Jahren steht der gebürtige Hamburger vor der Kamera und auf der Bühne, spielte in zahlreichen Serienklassikern und war zuletzt in Stuttgart im von Axel Preuß geleiteten Alten Schauspielhaus im Theaterstück „Blind“ zu sehen. Zudem ist der heute 71-Jährige auf Lesetour mit seiner Autobiografie „Follow the Sun – Der Sommer meines Lebens“, in der er offen von Jugend, Aufbruch und Selbstsuche schreibt. top magazin hat den Schauspieler gemeinsam mit Axel Preuß zum Interview getroffen. Darin spricht Helmut Zierl unter anderem über seine Karriere, seine Pläne und darüber, was ihn heute noch antreibt.

top: Herr Zierl, Sie haben in diesem Jahr Ihr 50. Bühnenjubiläum gefeiert. Was hat diese bemerkenswerte Zahl in Ihnen ausgelöst?

Zierl: Erstaunen – und zwar wirklich. Man fragt sich, wo die Zeit geblieben ist. 50 Jahre klingen nach einer Ewigkeit, aber vieles ist mir noch ganz nah. Ich erinnere mich an meine erste Inszenierung 1975 an der Landesbühne Hannover, es war „Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare. Ich könnte heute noch Textpassagen daraus zitieren. Damals hätte ich nie gedacht, dass daraus ein halbes Jahrhundert auf der Bühne werden würde.

top: Das Jubiläum haben Sie in Stuttgart gefeiert. Zufall oder Absicht?

Zierl: Das war tatsächlich Zufall. Intendant Axel Preuß hat mir das Angebot gemacht, hier ein Stück zu spielen, und das fiel genau mit meinem Jubiläum zusammen. Ich habe das als Zeichen genommen und gesagt: Nach 50 Jahren noch einmal eine Premiere feiern zu dürfen – schöner kann man diesen Kreis nicht schließen.

top: Was bedeutet es denn für Sie, Herr Preuß, dass so bekannte Schauspieler wie jetzt Helmut Zierl, aber auch Heiko Ruprecht oder Natalie O’Hara immer wieder an Ihr Haus kommen?

Preuß: Darin äußert sich in der Tat eine große Wertschätzung für unsere beiden Theater, also das Alte Schauspielhaus und die Komödie im Marquardt. Grundsätzlich arbeiten wir sehr gerne mit namhaften Schauspielerinnen und Schauspielern zusammen. Am Ende zählt aber nicht der Name respektive der Bekanntheitsgrad. Entscheidend kommt es für uns darauf an, dass die betreffende Person die Schauspielkunst tatsächlich beherrscht, weil sie nur dann auf der Bühne bestehen und die Erwartungen unseres Publikums erfüllen kann. All dies steht bei den von Ihnen genannten Namen außer Frage.

top: Was macht Ihr Haus für „Stars“ so attraktiv?

Preuß: Dieses Haus ist ein Geschenk. Es wurde 1909 erbaut und ist in seiner Originalstruktur erhalten. Es gibt hier eine wunderbare Nähe zwischen Bühne und Zuschauerraum – nur 499 Plätze, alle dicht dran. Man spürt das Publikum unmittelbar, man atmet mit ihm. Und das Publikum hier ist aufmerksam, treu, neugierig. Für Schauspielerinnen und Schauspieler bietet das Theater hervorragende Bedingungen: sechs Wochen Proben, sechs Wochen Aufführungen – danach ist Schluss. Das ist klar strukturiert und lässt sich mit anderen Projekten wie etwa Dreharbeiten gut vereinbaren.

top: Entwickelt sich ein Stück bei sechs Wochen ununterbrochener Spielzeit weiter?

Zierl: Klar, kein Abend gleicht dem anderen. Ein Stück wächst mit jeder Vorstellung – weil man sicherer wird, weil man mit den Partnerinnen und Partnern auf der Bühne noch besser harmoniert, und weil man zum Beispiel in der 20. Vorstellung plötzlich eine ganz neue Tiefe entdeckt. Am Ende mehrerer Wochen spielt man das Stück möglicherweise anders als bei den ersten Aufführungen. Stillstand gibt es nicht. Nicht zu vergessen das Publikum. Diese Energie, diese Reaktionen – im Herbst leider auch die Huster. Aber genau das macht Theater aus: Man spürt sofort, ob etwas funktioniert oder nicht.

„Das meiste, was schiefging, hat mich letztlich weitergebracht“

top: Im Stück „Blind“, in dem Sie in Stuttgart zuletzt zu sehen waren, geht es um Generationenkonflikte, Idealismus und Pragmatismus. Was hat Sie daran gereizt?

Zierl: Mich hat fasziniert, dass beide Seiten recht haben – und gleichzeitig auch nicht. Beim Lesen habe ich ständig hin- und hergewechselt: Mal dachte ich, die Tochter hat recht, dann wieder der Vater. Das Stück zwingt einen, Verständnis für beide Perspektiven zu entwickeln. Meine Figur, Richard, ist mir nicht ganz fremd. Er blickt auf ein erfülltes Leben zurück, hat Erfolge, Erfahrungen – und will das weitergeben. Aber er stößt auf das Unverständnis seiner Tochter. Beide sind, im übertragenen Sinn, „blind“ für die Argumente des anderen. Das ist menschlich und deshalb berührt es.

top: Der Vater im Stück ist krank. Spielt er das, um Nähe zu erzeugen – oder ist es echt?

Zierl: Für mich ist das eindeutig echt. Er hat diese Krankheit und spielt nichts vor. Natürlich nutzt er die Situation, um Nähe zuzulassen, aber nicht manipulativ. Er will keine Mitleidsnummer. Im Gegenteil: Er verschweigt es fast bis zum Schluss, weil er nicht möchte, dass seine Tochter ihn aus Mitleid liebt. Das macht die Figur so komplex.

Axel Preuß, Intendant der Schauspielbühnen in Stuttgart, und Helmut Zierl

top: Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken – was würden Sie heute anders machen?

Zierl: Richard sagt im Stück: „Ich befürchte, ich wäre derselbe.“ Das gilt für mich auch. Ich habe vieles richtig gemacht, oft intuitiv. Klar, ein paar schwache Theaterstücke, ein paar belanglose Filme – die hätte ich mir sparen können. Aber insgesamt war es ein glücklicher Weg. Und das meiste, was schiefging, hat mich letztlich weitergebracht.

top: In Ihrer Autobiografie „Follow the Sun“ schreiben Sie offen über eine schwierige Jugend: Ausreißen, Drogen, Obdachlosigkeit. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?

Zierl: Das war die härteste, aber auch lehrreichste Zeit meines Lebens. Ich habe früh gelernt, was Toleranz, Respekt und Demut bedeuten. Ich habe Menschen sterben sehen, Freunde verloren – Erfahrungen, die zu viel waren für einen 16-Jährigen. Aber ich bereue nichts. Ohne diese Erfahrungen wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Und ja: Ohne die Schauspielerei hätte ich vielleicht nicht überlebt. Ich wollte ursprünglich gar nicht Schauspieler werden. Ich war nie im Theater, fand das sogar schrecklich – bis ich durch Zufall selbst auf der Bühne stand. Das war mein Rettungsanker.

top: Wie gehen Sie heute mit dem Älterwerden um – in einem Beruf, der so sehr von Körper und Stimme lebt?

Zierl: Man darf nicht zu viel darüber nachdenken. Alter ist eine Zahl, mehr nicht. Ich schaue nach vorn, auf die nächste Rolle, die nächste Premiere. Natürlich erschrickt man manchmal, wenn man die Zahl hört – aber dann muss man sie abhaken und weitermachen. Ich halte mich fit, gehe viel raus, mache Sport. Und ich habe meine Rituale: Vor jeder Vorstellung spreche ich mich ein, mit allen möglichen Zungenbrechern. Wenn das Wort „Hottentottenstottertrottelmutterattentäterlattenkotterbeutel …“ dreimal flüssig läuft, weiß ich: Der Abend wird gut.

top: Seit Beginn Ihrer Karriere hat sich die Film- und Fernsehlandschaft enorm verändert – Stichwort Streaming, KI, Serienformate. Wie blicken Sie auf diese Entwicklung?

Zierl: Mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist das eine spannende Entwicklung, andererseits gefährlich. Besonders für Kolleginnen und Kollegen, die mit ihrer Stimme arbeiten – Synchronsprecher, Hörbuch- oder Hörspielsprecher. Künstliche Intelligenz kann heute Stimmen so perfekt imitieren, dass man kaum noch einen Unterschied hört. Wenn das günstiger wird als echte Arbeit, dann wird das viele Jobs kosten. Ich habe ChatGPT ausprobiert – die Stimme ist angenehm, der Ton freundlich, die Pausen perfekt gesetzt. Das ist gespenstisch. Und wenn irgendwann auch Bilder so echt werden, dass man James Dean wieder auferstehen lassen kann, dann wird’s ernst. Da brauchen wir Schutz für geistige Arbeit.

top: Sehen Sie Streamingdienste eher als Chance oder Konkurrenz?

Zierl: Ich war lange skeptisch, vielleicht altersbedingt. Ich dachte: Das ist nichts für mich. Dann haben mir Kollegen geraten, mal reinzuschauen. Und ich war überrascht, wie gut viele dieser Serien sind – oft besser produziert als das, was im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft. Da steckt Mut drin, Kreativität, Geld. Leider muss man sagen: Diese Plattformen haben das Erzählen verändert – und verbessert.

„Wenn man aufhört, sich zu bewegen, hört man auf zu leben.“

top: Was steht als Nächstes an?

Zierl: Es laufen einige Anfragen für neue Rollen auf der Bühne und im Film. Vor allem aber entwickle ich mich in anderen Bereichen weiter. Ich schreibe an einem Musical, das auf meiner Autobiografie „Follow the Sun“ basiert, und parallel an einem Drehbuch sowie einer Theaterfassung. Außerdem arbeite ich an einem zweiten
Buch – darin geht es um die Schauspielschule und meine Theaterjahre. Ich komponiere, schreibe Songtexte, entwickle Ideen. KI nutze ich hierfür nicht. Ich weiß, dass das viele inzwischen tun, aber das Schreiben muss aus mir selbst kommen. Außerdem laufen einige Anfragen für neue Rollen auf der Bühne und im Film.

top: Könnte das Musical auch in Stuttgart Premiere feiern?

Zierl: Das wäre schön. Ich habe Axel Preuß schon davon erzählt – mal sehen, ob ich ihn überzeugen kann. Stuttgart wäre jedenfalls der richtige Ort dafür.

top: Was haben Sie in den letzten Wochen von Stuttgart mitgenommen?

Zierl: Ich habe Stuttgart völlig neu entdeckt. Ich bin jetzt zum dritten Mal hier – beim ersten Mal war es eine Katastrophe, weil ich ständig geblitzt wurde. Beim zweiten Mal war ich sehr mit dem Stück „Tod eines Handlungsreisenden“ beschäftigt. Aber diesmal wohne ich oben auf der Gänsheide, bei netten Vermietern, und sehe die Stadt anders: diese Hügel, die Architektur, das milde Licht. Stuttgart hat etwas Südländisches. Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

top: Gab es Zeit für Kultur außerhalb des eigenen Theaters?

Zierl: Ein bisschen. Meine Frau ist mit dabei, wir waren im Kino, sind spazieren gegangen, haben Freunde getroffen. Und natürlich Spätzle gegessen – dazu guten Württemberger Wein. Ich fühle mich hier wirklich wohl.

top: Was raten Sie jungen Schauspielerinnen und Schauspielern heute?

Zierl: Spielt Theater. Das ist die Basis. Schauspielerei ist ein Handwerk, das man erlernen kann – aber es braucht Herz, Emotion, Disziplin. Wer auf der Bühne gestanden hat, weiß, was Präsenz bedeutet. Am Theater lernt man, eine Rolle aufzubauen und in sich selbst wachsen zu lassen. Diese Erfahrung kann keine Kamera ersetzen. Natürlich switchen heute viele Quereinsteiger über Serien oder Daily Soaps rein. Das muss nichts Schlechtes sein. Aber wer Theater gespielt hat, steht fester. Das spürt man.

top: Gibt es noch eine Traumrolle, die Sie gerne spielen würden?

Zierl: Nein. Ich sage immer: Die nächste Rolle ist die schwerste. Ich bin dankbar für das, was war. Hamlet muss nicht mehr
sein – ich habe andere Wege gefunden, mich auszudrücken.

top: Was bleibt nach 50 Jahren Bühne?

Zierl: Dankbarkeit. Und Neugier. Solange man etwas dazulernt, ist man lebendig. Wenn man aufhört, sich zu bewegen, hört man auf zu leben.

Das Gespräch führte Matthias Gaul

Fotos: Anton Richter

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