Im Gespräch mit Niko Kappel  

„Wahre Größe zeigt sich nicht in Zentimetern“

Niko Kappel ist einer der bekanntesten deutschen Para-Leichtathleten. Der Kugelstoßer aus dem schwäbischen Welzheim gewann unter anderem Paralympics-Gold in Rio sowie Silber in Paris, ist dreimaliger Weltmeister und engagiert sich seit Jahren für Inklusion und Nachwuchsförderung. Im Interview mit top magazin spricht er über seine eigene Gala, die Herausforderungen im Para-Sport, die Rolle der Medien, neue Technik im Training – und warum ein Bier am Abend vor dem Wettkampf dazugehört.

top: Niko, Ende Oktober ging im Audi-Zentrum Stuttgart unter dem Titel „Kleinformat“ deine erste eigene Benefizgala zugunsten dreier Inklusionsprojekte über die Bühne. Wie hast du den Abend ganz persönlich erlebt?

Niko: Das Ganze begann eher zufällig. Ich war bei einer Veranstaltung im Audi-Zentrum Stuttgart und die war so schön gemacht, dass ich spontan dachte: „Warum machen wir dort nicht mal etwas Eigenes?“ Ich hatte in den letzten Jahren immer wieder Sponsoren und Partner zu sportlichen Highlights eingeladen. Aber nach Corona wollten wir mal etwas anderes: ein richtiges Abendevent für unsere Partner. Erst war die Idee ganz klein – ein geselliger Abend mit vielleicht 50 Leuten, ein bisschen Programm, vielleicht Eisstockschießen oder Citygolf. Aber dann wuchs das: Wenn wir schon alle
dahaben, könnten wir doch eine Bühne machen, Medien einladen, Sponsoren einbinden –
und vielleicht sogar soziale Projekte unterstützen. So entstand die Gala-Idee.

top: Und dann wurde daraus eine Benefizgala?

Niko: Genau. Ich bekomme oft Anfragen von sozialen Initiativen, Botschafter zu werden. Ich möchte das gerne unterstützen, aber ich schaffe es einfach nicht, überall dabei zu sein. Also habe ich gesagt: „Dann lasst doch die Projekte zu uns kommen!“ Wir haben den Wettbewerb ausgeschrieben – 5.000 Euro für das beste Inklusionsprojekt. Die Resonanz war unglaublich. Es kamen so viele tolle Bewerbungen, dass wir beschlossen haben, drei Projekte zu prämieren: 5.000 Euro für Platz eins, je 2.500 für Platz zwei und drei. Am Ende wurden daraus sogar über 20.000 Euro.

top: Wie hast du das finanziell gestemmt?

Niko: Durch viel Engagement – und durch viele Telefonate. Wir hatten eine Tombola mit Preisen im Wert von rund 25.000 Euro, etwa ein Grillwochenende, Eintrittskarten für Freizeitparks, unterschriebene Trikots vom VfB Stuttgart. Ohne Partner wie Weingut Diehl, Stuttgarter Hofbräu, Benz & Co. und Audi und viele private Unterstützer wäre das nicht möglich gewesen. Am Ende hat sich der Aufwand gelohnt: Der Saal war voll, die Stimmung großartig – und das Ergebnis weit über dem, was ich mir erhofft hatte.

top: Was war für dich persönlich das schönste Erlebnis an diesem Abend?

Niko: Die Reaktionen. Besonders emotional war der Moment, als Stefan Böttinger vom „Heldenkollektiv“ auf die Bühne kam, die bewegende Geschichte seines Sohnes erzählte und dann ein Unternehmer statt 5.000 Euro einfach mal 6.000 Euro für den Spendentopf zusagte, weil er meinte, dass man 5.000 Euro nicht gerecht durch drei teilen kann. Da stand der ganze Saal mit Tränen in den Augen. Diese Energie, diese Freude, dieses gemeinsame „Wir schaffen was Gutes“: Das war der absolute Wahnsinn. Vor allem meiner Verlobten, meinen Eltern und meinem Management, die in der heißen Phase einiges aushalten mussten, bin ich unendlich dankbar, dass wir das alles so gestemmt haben.

„Wir haben Athletinnen und Athleten, die weltweit bekannt sind – aber außerhalb der Spiele fehlt oft die Sichtbarkeit.“

top: Hat das Event auch gezeigt, dass sich das Bewusstsein für die Wahrnehmung des Para-Sports in Deutschland verändert hat?

Niko: Ich glaube schon. Viele sehen Para-
Sportler noch immer als Menschen, denen man „etwas spendet“. Dabei sind wir Profis, wir leben von unserer Leistung. Ich bin Einzelunternehmer, ich verdiene mein Geld mit dem Sport, nicht durch Spenden. Diese Wahrnehmung zu verändern, war mir wichtig: zu zeigen, dass hinter unserem Sport Professionalität, Leidenschaft und ein starkes Netzwerk stehen.

top: Wie erlebst du die mediale Aufmerksamkeit für den Para-Sport im Vergleich zu früheren Jahren?

Niko: Sie ist deutlich besser geworden, aber da geht aus meiner Sicht immer noch mehr. 

Wir haben Athletinnen und Athleten, die weltweit bekannt sind – aber außerhalb der Spiele fehlt oft die Sichtbarkeit. Wenn Startlisten und Zeitpläne erst Tage vor einem Wettkampf veröffentlicht werden, kann kein Medium vernünftig planen. Da verschenken wir Chancen sowohl bei Wettkämpfen als auch dann darüber hinaus mediale Aufmerksamkeit zu bekommen.

top: Du engagierst dich auch beim Inklusionsmobil. Was steckt dahinter?

Niko: Das ist ein großartiges Projekt von REWE, der Aktion Mensch und dem Deutschen Behindertensportverband (DBS). Wir fahren mit einem mobilen Erlebnisbus durch ganz Deutschland, um Menschen für Inklusion zu sensibilisieren. Viele haben Angst, im Umgang mit Menschen mit Behinderung etwas falsch zu machen. Wir geben ihnen die Möglichkeit, es einfach mal auszuprobieren – mit Rollstuhlparcours, Simulationsbrillen oder kleinen Sportübungen. Oft geht es nur darum, Berührungsängste abzubauen. Ich erinnere mich an einen älteren Mann, der mich irgendwann fragte: „Wie sagt man denn jetzt eigentlich zu dir? Zwerg?“ Er meinte das nicht böse, sondern ehrlich interessiert. Ich habe gelacht und ihm erklärt, dass man „Kleinwuchs“ sagt. Und genau solche Begegnungen sind wertvoll – weil sie etwas verändern.

top: Ein Herzensanliegen ist dir auch der Förderverein für Para-Talente.

Niko: Absolut, da fördern wir gezielt Nachwuchssportlerinnen und -sportler mit Behinderung, die Unterstützung brauchen. Ich bin dort Vize-Vorsitzender, wir stellen uns gerade organisatorisch neu auf. Wenn heute eine Stiftung auf mich zukommt, leite ich Gelder am liebsten darüber weiter, damit sie direkt bei den jungen Athleten ankommen.

top: Wie schwierig ist es, Sponsoren zu finden?

Niko: Für die Top-Athleten ist es leichter geworden, aber es gibt eine riesige Lücke dahinter. Wer bei einer Weltmeisterschaft Gold gewinnt, kann oft trotzdem nicht vom Sport leben. Das hängt mit der fehlenden Medienpräsenz zusammen. Viele vergessen, dass lokale Sichtbarkeit fast wichtiger ist als überregionale. Ich sage jungen Athleten immer: Es muss nicht die „Tagesschau“ sein. Lokale Zeitungen und regionale Partner sind oft viel wertvoller. Der Bäcker, der dich kennt, der Unternehmer vor Ort – das sind die Leute, die dich langfristig unterstützen.

top: Kommen wir zum Sportlichen: Du hast kürzlich in Neu-Delhi zum dritten Mal WM-Gold gewonnen. Was bedeutet dieser Erfolg?

Niko: Das war die härteste Goldmedaille meiner Karriere. Ich hatte große Probleme im Ellenbogen, freie Gelenkskörper, Schmerzen beim Strecken und Beugen. Ich wollte sogar absagen. Aber mein Physio meinte: „Flieg hin, wir kriegen das hin.“ Und er hatte recht. Ich konnte kaum trainieren, hatte Allergien auf Schmerzmittel – und trotzdem hat es gereicht. Nicht mit Weltrekordweite, aber mit Herz und Disziplin. Das war pure Willenskraft.

top: Was sind deine nächsten sportlichen Ziele?

Niko: Ganz klar Los Angeles 2028. Ich habe 2016 Gold, 2020 Bronze und 2024 Silber geholt. Also wäre jetzt wieder Gold an der Reihe.

top: Hast du ein Ritual vor dem Wettkampf?

Niko: Ja, ich trinke am Abend davor ein Bier – ein richtiges, kein alkoholfreies. Am liebsten, ehrlich gesagt, ein „Käpsele“ von Stuttgarter Hofbräu. Das hilft mir beim Abschalten. Und am Wettkampftag esse ich Nudeln mit Tomatensoße – oder, wenn es morgens losgeht, Haferflocken mit Banane. Meditation? Nein. Ich freue mich einfach aufs Stoßen.

top: Wie sieht dein Trainingsalltag aktuell aus?

Niko: Wir arbeiten sehr datenbasiert. Ich trainiere am Olympiastützpunkt Stuttgart und arbeite mit einer KI-gestützten Bewegungsanalyse, die wir zusammen mit der Uni Konstanz, dem DBS und einem lokalen Unternehmen entwickelt haben. Eine Kamera analysiert meine Bewegung und berechnet in Sekunden Werte wie Abstoßwinkel, Geschwindigkeit oder Hüftrotation. Die KI lernt mit – sie erkennt, welche Parameter bei mir besonders gute Stöße bringen. So habe ich jetzt zum Beispiel von der 6/4- auf die 5/4-Drehstoßtechnik gewechselt. Und das mit echt tollen Weiten.

top: Du trainierst auch mit nichtbehinderten Athletinnen und Athleten zusammen?

Niko: Selbstverständlich, wir sind in Stuttgart eine inklusive Trainingsgruppe – unter anderem mit Olympiateilnehmerin Alina Kenzel und Athleten wie Tizian Lauria oder Silas Ristl. Wir tauschen uns ständig aus, helfen uns gegenseitig. Konkurrenzdenken gibt es kaum. Diese Offenheit ist unsere Stärke.

„Wichtig ist, dass man seine Bestimmung findet und im Kopf frei ist.“

top: Wie gehst du mit Druck um?

Niko: Mal besser, mal schlechter. Wenn es läuft, ist alles einfach. Wenn nicht, ist man selbst der größte Kritiker. Ich habe gelernt, Druck als Teil des Sports zu akzeptieren. Wir messen viele Werte – Gewicht, Sprungkraft, Standstoß –, um zu sehen, wie fit ich bin. Seit wir das systematisch machen, haben wir viel über Trainingssteuerung gelernt. Das hat mich sogar im „höheren Alter“ noch mal deutlich verbessert.

top: Was steht als Nächstes an?

Niko: Zuerst einmal heiraten. Meine Verlobte und ich planen das aber ganz entspannt, ohne festen Termin. Beruflich möchte ich nach meiner sportlichen Karriere weiter selbstständig bleiben, Projekte fördern, Vorträge halten und Menschen für den Para-Sport begeistern. Ich glaube, da gibt es noch einiges zu bewegen.

top: Was würdest du jungen Menschen mit Behinderung raten, die sich für Leistungssport interessieren?

Niko: Einfach mal ausprobieren, machen und mit Freude auf Vereine zugehen. Es gibt so viele paralympische Sportarten, da ist für jede und jeden was dabei. Wichtig ist, dass man entsprechend seinen individuellen körperlichen Voraussetzungen seine Bestimmung findet und vor allem auch im Kopf frei ist.

top: Und was bleibt als Motto?

Niko: „Wahre Größe“, das war auch das Motto meiner Gala. Nicht in Zentimetern oder Medaillen zu messen, sondern in Mut pro Sekunde, Dankbarkeit pro Begegnung und Echtheit pro Entscheidung. Wenn ich das vermitteln kann – im Sport, in der Inklusion oder einfach im Leben –, dann ist das mein größter Erfolg.

Das Gespräch führten Kirsi Fee Wilhelm und Matthias Gaul

Fotos: Maks Richter

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