Ein Leben nach der Karriere

Wenn Führungskräfte ihre Identität im (Un-)Ruhestand neu verhandeln (müssen), wie das gelingen kann und worauf dabei zu achten ist.

Der letzte Termin ist vorbei, die Schlüsselkarte liegt auf dem Schreibtisch, der Kalender ist leer. Jahrzehntelang war der Flur ein Ort von Entscheidungen, Tempo und Verantwortung. Dann schließt sich die Tür – und mit ihr endet nicht nur ein Job, sondern oft ein Lebensentwurf. Für viele Führungskräfte beginnt damit eine überraschend schwierige Phase: die Frage, wer sie ohne ihre Position eigentlich sind. Denn der Beruf war weit mehr als ein Arbeitsplatz. Er lieferte Identität, Struktur, sozialen Status und Sinn. Der Übergang in den Ruhestand ist daher eine Phase tiefgreifender persönlicher Veränderung, die gut vorbereitet sein will. „Viele haben Angst anzuhalten, weil sie dann mit etwas konfrontiert werden, das sie all die Jahre gar nicht leben konnten: Stille, Ruhe, ein Hinhören darauf, was es im Leben sonst noch gibt“, bestätigt die Stuttgarter Mentorin Christine Hahn.

Wie drastisch dieser Bruch sein kann, erlebt sie immer wieder in der Praxis. Manche Führungskräfte spüren die Belastung des Übergangs auch körperlich. „Wenn kein Privatleben, keine Hobbys und keine sozialen Anker da sind, ist die psychische Belastung oft groß“, berichtet sie. Erschöpfung, innere Leere bis hin zu Krankheiten sind in dieser Phase nicht ungewöhnlich. Andere treffe vor allem ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit: Niemand ruft mehr an, niemand braucht Entscheidungen, niemand fragt um Rat. „Viele merken erst dann, wie sehr ihr Selbstwert am Beruf hing.“ Auf einmal gehe der Tag rum und niemand brauche etwas von einem. „Das ist für viele eine enorme Schwierigkeit“, so Christine Hahn.

Genuss ohne Hektik

Besonders schwierig wird es, wenn der Alltag zuvor ausschließlich aus Arbeit bestand. Wer jahrzehntelang im Dauermodus lebte, empfindet den Wegfall von Tempo und Druck paradoxerweise als Leere. Manche versuchen gegenzusteuern, klammern sich an neue Aufgaben – oder tragen die Unruhe ins Private. Partnerinnen oder Partner spüren das oft zuerst. Dass es auch anders gehen kann, zeigt der Blick auf diejenigen, die sich frühzeitig innerlich vorbereitet haben. So beschreibt zum Beispiel Karin Endress ihren Übergang in den „Ruhestand“ als bewussten Schritt in mehr Freiheit. Die langjährige ehemalige Verlegerin des top magazin Stuttgart, die das Lifestyle-Magazin ab 1992 über sage und schreibe 30 Jahre sehr erfolgreich geführt und damit viele neue Akzente in und für die Stadtgesellschaft gesetzt hat, berichtet ganz entspannt, dass sie sich auf die Zeit danach regelrecht gefreut habe. Statt Stillstand erlebe sie eine immense Fülle: viel Bewegung, Sport, unterwegs in der Natur, immer wieder mit ihrem Ehemann Uli auf Reisen, Kochen, Zeit auf dem Wochenmarkt, Treffen mit Freunden, Besuche von Kunstausstellungen und vieles mehr. „Früher bin ich in die Stadt gegangen mit einer festen To-do-Liste. Heute kann ich bummeln. Ich habe Zeit.“ Sie genieße die kleinen Dinge viel mehr, weil die Hektik weg sei. Und: „Wenn du fit bist und finanziell unabhängig, dann ist das Älterwerden eigentlich die schönste Lebenszeit.“ Soziales Engagement ja – aber flexibel, wenn es ins Leben passt. „Hier und da helfen, wenn sich etwas ergibt. Aber nichts, was mich wieder fest bindet.“ Ein Loch? „Überhaupt nicht. Mir ist nie langweilig.“

Freie Entscheidung über den Tag

Das kann auch der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Südwestbank Prof. Dr. Wolfgang Kuhn bestätigen. „Ich bin eigentlich nie richtig in den Ruhestand gegangen“, sagt er. Schon während seiner aktiven Zeit hatte er Aufsichtsratsmandate bei Hermle sowie Zeller & Gmelin übernommen, dazu Ehrenämter, Funktionen in Stiftungen und Vereinen sowie nicht zu vergessen das Engagement für den Stuttgarter Jazzclub BIX. Als er seinen Vorstandsposten mit 63 Jahren aufgab, lief vieles einfach weiter. Kein Absturz, kein Vakuum – eher ein fließender Übergang. Was sich änderte, war vor allem die Selbstbestimmung. „Früher war jeder Tag komplett durchgetaktet. Fahrer, Sekretariat, Termine im Viertelstundentakt. Heute entscheide ich selbst“, erzählt Wolfgang Kuhn, der vor dem Wechsel zur Südwestbank an der Spitze des Bankhauses Bauer und da davor der Stuttgarter Bank stand. Der promovierte Betriebswirt schläft länger, treibt regelmäßig Sport und reist mit seiner Ehefrau Gudrun häufiger und länger in die Ferne als früher. 14 Tage Urlaub am Stück seien im Job das Maximum gewesen – heute sind auch mehrere Wochen ohne Unterbrechung möglich. „Bei ehemaligen Weggefährten sieht er mitunter durchaus andere Verläufe. Manche litten massiv unter dem Machtverlust oder dem wegbrechenden Netzwerk. „Wenn die Funktion weg ist und keiner mehr anruft, trifft das manche brutal.“ Bei ihm sei das anders gewesen. Viele Kontakte seien persönlich gewachsen, nicht nur beruflich. Klar: Komplett losgelassen hat der heute 69-Jährige als passionierter Netzwerker noch nicht. Berücksichtigt man seine Tätigkeiten als Honorarkonsul des Großherzogtums Luxemburg, Aufsichtsratsmitglied von Salytik Invest, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der WS Holding, Schatzmeister im Universitätsbund Hohenheim sowie Mitglied in den jeweiligen Freundeskreisen des Stadtpalais und des Kunstmuseums Stuttgart, so trifft das Wort „Unruhestand“ seine aktuelle Situation geradezu perfekt.

Raus aus dem Hamsterrad

Ein weiteres gutes Beispiel für einen gelungenen Übergang ist Max H.-H. Schaber, der fast vier Jahrzehnte lang mit Datagroup in Pliezhausen einen der führenden deutschen IT-Dienstleister steuerte, bis er im März 2022 als CEO ausschied und inzwischen „nur“ noch als Aufsichtsratsvorsitzender den nächsten Wachstumsschritt des Unternehmens begleitet. Mit 67 Jahren reduzierte der heute 70-Jährige den direkten Kontakt zum operativen Geschäft. Zu diesem Zeitpunkt existierte bereits seine in Stuttgart ins Leben gerufene Familienholding HHS, über die er in Start-ups und neue Ideen investiert. Dessen ungeachtet ordnet er geschäftliche Termine konsequent seinem persönlichen Wohlbefinden unter. Sport, Gesundheit und selbstbestimmtes Zeitmanagement stehen an erster Stelle. Golf, Skifahren, Ausdauertraining, Personal Training und viel Zeit in der Natur, am liebsten an der Seite seiner Partnerin Heidi, die seine Begeisterung für Sport teilt. „Früher war alles dem Job untergeordnet und ich habe geschaut, wo ich noch ein Zeitfenster finde – jetzt ist es genau andersrum“, sagt Max Schaber. Raus aus dem Hamsterrad zu sein, habe auch dazu geführt, dass er nun wieder besser schläft, sich körperlich fitter fühlt als früher und seinen Alltag als deutlich selbstbestimmter empfindet. Engagieren will er sich weiterhin – aber ohne feste Funktionen oder Verwaltungsaufwand. Unter anderem unterstützt er die International Justice Mission, die weltweit gegen moderne Sklaverei kämpft, vor allem durch Fundraising und persönliche Kontakte. „Ich will helfen, aber ich will keine Gremiensitzungen mehr.“ Als Mäzen engagiert er sich darüber hinaus in Kunst und Kultur, unterstützt als einer der Gesellschafter und Stifter den BIX Jazzclub sowie das Kunstmuseum Stuttgart und sportliche Initiativen wie den Golfclub Solitude. All das zeigt einmal mehr: Wer den Übergang freiwillig und gut vorbereitet vollzieht, kann seine Lebenszufriedenheit im „Ruhestand“ erheblich steigern.

Den neuen Lebensabschnitt bewusst gestalten

Für Christine Hahn liegt darin auch eine Chance: „Der Übergang ist nicht nur ein Verlust, sondern kann der Beginn eines bewussteren, freieren und erfüllteren Lebensabschnitts sein — wenn Menschen lernen, sich jenseits ihrer Rolle neu zu begegnen.“ Man müsse sich erlauben hinzuschauen. Und zwar nicht erst, wenn es so weit ist, sondern oft schon Jahre früher — mitten im Erfolg. Reflexion sei der entscheidende Hebel: „Warum bin ich eigentlich losgerannt? Was hat mich angetrieben? Viele merken erst im Rückblick, dass sie jahrelang Erwartungen erfüllt haben – die von Eltern, der Firma oder der eigenen Existenzängste.“

Alternativen, die nicht in alte Muster zurückführen müssen, gibt es ihrer Ansicht nach zur Genüge. Als Beispiel nennt sie unter anderem die gemeinnützige Organisation „LifeTeachUs“, die Lebenswissen in die Schulen bringt. Wenn ein erfahrener CEO Jugendlichen erzähle, wie er seine Firma aufgebaut habe, sei dies ungemein wertvoll. Auch die Partnerschaft spielt eine zentrale Rolle. „Ein Erfolgsrezept ist: gemeinsame Dinge und eigene Dinge“, betont die Stuttgarter Mentorin. Wichtig sei, den neuen Lebensabschnitt bewusst zu gestalten – mit gemeinsamen Ritualen und nicht zuletzt mit Raum für das, was jede und jeder für sich aufgebaut hat.

Auch die Forschung zeigt, dass Menschen, die neue Rollen und Gruppenzugehörigkeiten entwickeln, den Ruhestand deutlich positiver erleben. Für Führungskräfte bedeutet das: Der Abschied vom Chefbüro ist kein Endpunkt, sondern der Beginn einer Neuverhandlung von Identität und Lebensinhalt.

von Matthias Gaul

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