Wer Ardian Krasniqi gegenübersitzt, denkt aufgrund seiner smarten Erscheinung und seiner gepflegten Ausdrucksweise zunächst nicht unbedingt an einen Profiboxer. Und doch zählt der 29-Jährige längst zur Weltspitze seiner Gewichtsklasse: Platz 6 der Rangliste der World Boxing Organization (WBO), von seinen bislang zwölf Kämpfen als Profi hat er jeden durch K.O. gewonnen. Sein Traum: ein Weltmeisterschaftskampf in einem großen Stadion vor Zehntausenden Menschen. Der Weg dorthin ist hart und besteht vor allem aus Disziplin, Struktur und familiärem Zusammenhalt, wie der gebürtige Rottweiler im Gespräch mit top magazin erläutert.
top: Ardian, du hast das Ziel ausgegeben, bald mal um einen Weltmeistertitel zu boxen. Welchen Stellenwert misst du vor diesem Hintergrund dem WBO-Kampf am 27. Juni in Ludwigsburg zu? Ardian: Der Kampf ist extrem wichtig und möglicherweise auch wegweisend für meine weitere Karriere. Je nachdem, wie alles läuft – sportlich und auch von den Verhandlungen her –, kann das ein entscheidender Schritt in Richtung Weltmeisterschaft sein. Im Profiboxen kann schon ein einziger Kampf einiges verändern. Wenn du gewinnst, öffnen sich Türen. Wenn nicht, wird es schwerer. Deshalb ist Ludwigsburg für mich ein ganz zentraler Termin. Ich hoffe, dass es im besten Fall eine Art Ausscheidungskampf wird, also dass ich mich damit als offizieller Pflichtherausforderer positionieren kann. Natürlich spürt man da auch den Druck, aber genau für solche Momente trainiere ich ja jeden Tag.
top: Freust du dich auch auf die Atmosphäre dort? Ardian: Auf jeden Fall. Die MHP Arena in Ludwigsburg hat eine richtig gute Stimmung. Sie geht steil nach oben, die Zuschauer sind nah dran – das macht es laut und intensiv. Ich kenne einige solcher Hallen, und beim Boxen ist das noch mal spezieller. Wenn viele Menschen da sind und dich anfeuern, gibt dir das unglaublich viel Energie. Heimkämpfe sind immer etwas Besonderes.
top: Du bist aktuell Nummer sechs der WBO-Rangliste. Wie fühlt sich das an? Ardian: Manchmal begreife ich das selbst nicht. Früher habe ich diese großen Kämpfe im Fernsehen geschaut und die Superstars bewundert. Und jetzt bin ich plötzlich selbst in dieser Rangliste. Vor mir sind nur noch absolute Top-Leute. Das zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
top: Gab es Momente, in denen du ans Aufhören gedacht hast? Ardian: Ja, und zwar ernsthaft. Als Amateur habe ich einmal im Finale der Baden-Württembergischen Meisterschaften vorzeitig durch technischen K.O. verloren. Das war meine erste richtige Niederlage, die ich ehrlich gesagt bis heute nicht endgültig verkraftet habe. Danach habe ich fast ein Jahr keine Handschuhe angezogen. Ich habe an mir gezweifelt, an meinem Talent, an allem. Aber irgendwann habe ich gemerkt: Ohne Boxen fehlt mir etwas. Es ist wie eine Sprache, die ich brauche. Also bin ich zurückgekommen – und habe den Rückkampf gewonnen.
„Ich glaube, dass mich das Boxen noch ruhiger gemacht hat.“
top: Dein großer Traum ist ein WM-Kampf im Stadion. Ardian: Ja, das ist wirklich mein größter Traum. Einmal im Stadion boxen, vor 60.000 Menschen oder noch mehr. Flutlicht, diese riesige Atmosphäre – das wäre etwas ganz Besonderes. Als mein Onkel Luan Krasniqi früher fast so einen großen Kampf in der Schalker Arena gehabt hätte, habe ich mitbekommen, was das für eine Dimension ist. Seitdem denke ich mir: Das will ich irgendwann erleben.
top: Wie würdest du deinen Boxstil beschreiben? Ardian: Ich sehe mich als kompletten Boxer. Ich kann aus der Distanz arbeiten, technisch boxen, aber ich kann auch nach vorne gehen und Druck machen. Mir ist wichtig, flexibel zu sein. Jeder Gegner ist anders. Deshalb bereiten wir uns mit Videoanalysen vor und holen Sparringspartner unterschiedlichster Stile.
top: Du trainierst inzwischen mit dem ehemaligen Olympia-Dritten Rustam Rahimov. Was hat sich dadurch verändert? Ardian: Sehr viel. Er bringt unglaublich viel Erfahrung mit. Ich habe mich sportlich noch mal deutlich weiterentwickelt, aber auch menschlich. Er gibt mir Ruhe und Struktur. Das tut mir sehr gut.
top: Du verkörperst ja eigentlich auch gar nicht das klassische Boxer-Klischee. Ardian: Das höre ich in der Tat oft. Viele erwarten bei Boxern immer dieses harte, aggressive Auftreten. Aber ich bin eigentlich eher ein ruhiger, entspannter Mensch. Ich glaube sogar, dass mich das Boxen noch ruhiger gemacht hat. Du lässt im Training alles raus – zweimal am Tag, manchmal öfter. Wenn du so viel Energie loswirst, bist du danach einfach total ausgeglichen und entspannt.
top: Trotzdem ist es ein Sport, in dem man bewusst Schläge einsteckt. Ardian: Klar. Boxen ist ein Zweikampf, das darf man nicht vergessen. Der Gegner will dich treffen, du willst ihn treffen. Dieses Risiko gehört immer dazu. Vor einem Kampf ist man deshalb auch immer nervös. Du weißt, da steht jemand, der stark ist. Aber ich hatte über 100 Amateurkämpfe, ich habe viele Situationen erlebt. Mit der Zeit lernst du, damit besser umzugehen. Ganz weg geht die Nervosität nie – aber sie wird kontrollierbarer.
top: Wie läuft die Vorbereitung auf einen Kampf wie in Ludwigsburg ab? Ardian: Sehr strukturiert. Wir haben meistens zwölf bis vierzehn Wochen konkrete Vorbereitung. Am Anfang viel Kraft und Kondition, dann mehr Technik, am Ende sehr viel Sparring. Gerade die Sparringsphase ist hart. Du bist zehn Runden im Ring, alle paar Runden kommt ein frischer Gegner rein. Du bist müde, der andere nicht. Und die wollen sich alle beweisen. Das ist körperlich und mental extrem fordernd. Dazu kommen Regeneration, Physiotherapie, Sauna und auch Mentaltraining. Der Kopf spielt eine enorme Rolle.
top: Und wie streng ist die Ernährung? Ardian: Die letzten acht Wochen gibt es einen Ernährungsplan. Ich muss beim offiziellen Wiegen 79,3 Kilo auf die Waage bringen. Viele Boxer machen Weight-Cut, aber ich will nicht geschwächt in den Kampf. Ich mache eine gesunde Diät bis 81 Kilo und schwitze die letzten zwei runter. Abends gibt’s deshalb meist Salat und Steak oder Lachs.
„Erst lernen, dann Sport.“
top: Deine Karriere steuerst du mittlerweile auch selbst gemeinsam mit Primetime Promotion. Ardian: Genau, die haben wir vor fast zwei Jahren gegründet. Davor war ich bei einem Promoter in Magdeburg. Aber irgendwann wollten wir unabhängiger sein und unsere eigenen Events machen. Mein Bruder und Klaus Müller sind Geschäftsführer. Die Idee war: alles „Made in Rottweil“. Also unsere Veranstaltungen selbst organisieren, selbst verhandeln, selbst planen. Ich bin zwar nicht offiziell Teil der Firma, aber bei vielen Gesprächen dabei. Und es macht ehrlich gesagt auch richtig Spaß, weil man plötzlich nicht nur Boxer ist, sondern auch hinter die Kulissen schaut – man verhandelt mit Fernsehsendern, spricht mit Sponsoren oder plant Veranstaltungen.
top: Deine Familie scheint generell sehr prägend zu sein. Ardian: Absolut. Mein Vater war von klein auf mein Trainer. Er hat Sport studiert, selbst nicht geboxt, aber er hat mir Disziplin beigebracht. Schule war ihm extrem wichtig. Wenn ich schlechte Noten hatte, durfte ich nicht ins Training. Erst lernen, dann Sport. Deshalb sage ich immer: Disziplin ist wichtiger als Motivation. Motivation kommt und geht. Aber Disziplin sorgt dafür, dass du trotzdem aufstehst und arbeitest.
top: Deshalb auch dein Studium? Ardian: Genau. Ich habe Wirtschaftsinformatik studiert und den Bachelor gemacht. Mein Vater wollte, dass ich einen Plan B habe. Und ich bin froh darüber. Es gibt mir Sicherheit und Optionen für später.
top: Deine Mutter schaut deine Kämpfe nicht an. Ardian: Nein, sie leidet sehr mit. Wenn sie Blut auf der Wäsche sieht, ist das schon schwer für sie. Deshalb schaltet sie den Fernseher aus und wartet, bis jemand anruft. Aber sie ist trotzdem mein größter Fan.
top: Wie wichtig sind Sponsoren in deiner Karriere? Ardian: Sehr wichtig. Boxen ist kein Fußball. Seit ARD und ZDF ausgestiegen sind, gibt es kaum Fernsehgelder. Trainingslager, Team, Reisen – alles kostet. Ohne Sponsoren geht gar nichts.
top: Dein Hauptsponsor ist das von Roland Arnold gegründete Unternehmen Paravan, ein Spezialist für barrierefreie Fahrzeuge. Warum engagierst du dich dort? Ardian: Weil ich gesehen habe, wie viel das für Menschen bedeutet, die etwa nach einem Unfall querschnittsgelähmt sind. Wenn jemand stark eingeschränkt ist und plötzlich wieder selbstständig Auto fahren kann, bekommt er ein Stück Freiheit zurück. Ich finde, wenn man eine gewisse Bekanntheit und mediale Reichweite hat wie ich, sollte man sie nutzen, um solche Themen zu unterstützen.
„Rottweil soll die Boxhauptstadt bleiben.“
top: Siehst du dich als Profisportler in einer besonderen gesellschaftlichen Verantwortung? Ardian: Auf jeden Fall. Neulich war ich zum Beispiel bei uns im Gym in Rottweil in einer Art Talkrunde mit Politikern verschiedener Parteien. Dort habe ich ganz klar meine Meinung gesagt: Ich finde, Sport muss in Deutschland viel stärker gefördert werden. Ich kann und will meine Stimme dafür nutzen. In den letzten Jahren habe ich das Gefühl, dass der Sport und insbesondere die Randsportarten ein bisschen vernachlässigt werden. Selbst Athleten mit einer olympischen Goldmedaille werden oft nicht ausreichend gewürdigt, obwohl das ein riesiger Erfolg ist und sehr viel Training voraussetzt. Früher war das aus meiner Sicht anders. Auch Randsportarten wie Boxen hatten mehr Anerkennung. Ich erinnere mich an meinen Onkel Luan: Er hat 1996 in Atlanta Bronze geholt und wurde bei uns in Rottweil wie ein Nationalheld empfangen. Die ganze Stadt hat auf ihn gewartet. Das war etwas ganz Besonderes – und genau so sollte es wieder sein. Aber dafür muss man früh anfangen, vor allem in der Nachwuchsförderung.
top: Was bedeutet dir die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen? Ardian: Unglaublich viel. Wir haben in unserer Boxschule Sechsjährige bis hin zu Talenten, die schon mehrfach Landesmeister sind. Boxen gibt ihnen Selbstbewusstsein. Einer unserer Zwölfjährigen hält Präsentationen in der Schule völlig ohne Karten – seine Lehrerin erzählt mir das immer. Erfolg macht hungrig auf mehr. Und ich will ihnen zeigen: Egal, wo du herkommst, du kannst alles erreichen. Ich war auf der Hauptschule. Heute habe ich studiert und boxe um die Weltspitze. Das geht in Deutschland.
top: Wo siehst du dich in ein paar Jahren? Ardian: Sportlich hoffentlich als Weltmeister oder zumindest mit einem WM-Kampf. Mein beruflicher Traum ist eine große Boxschule, ein Leistungszentrum in Rottweil – mit Selbstverteidigung, Breitensport, Nachwuchsarbeit. Rottweil soll die Boxhauptstadt bleiben. Privat wünsche ich mir eine Familie mit Kindern und Gesundheit. Mit 35 würde ich Stand heute gerne mit dem Boxen aufhören. Boxen ist ein schöner Sport – aber man muss auch auf sich aufpassen.
Das Gespräch führten Kirsi Fee Wilhelm und Matthias Gaul