Politik trifft Satire

Christoph Sonntags „Jüngstes Ger(i)ücht“

In der Alten Kelter Fellbach wurde an diesem Vormittag nicht nur gelacht – es wurde auch genau hingehört. Denn wenn Christoph Sonntag als Bruder Christophorus zum „Jüngsten Ger(i)ücht“ lädt, weiß die politische Szene im Südwesten: Heute wird abgerechnet.

Die Alte Kelter in Fellbach war auch in diesem Jahr bis auf den letzten Platz gefüllt

Dass diesmal praktisch alles anwesend war, was Baden-Württemberg politisch zu bieten hat, lag auch am Wahlkampf. Minister, Abgeordnete und Parteistrategen saßen im Publikum – und sogar Bundestagspräsidentin Julia Klöckner ließ sich den satirischen Blick auf Politik und Gesellschaft nicht entgehen. Für einen Moment wirkte die Alte Kelter wie ein politisches Klassentreffen des Landes. Und Christoph Sonntag nutzte diese Steilvorlage natürlich genüsslich.

In seiner Paraderolle als Bruder Christophorus verbindet er seit Jahren Kabarett, Theater und politische Beobachtung zu einem Format, das im Südwesten längst Kultstatus erreicht hat. Das „Jüngste Ger(i)ücht“ bietet eine Bühne, auf der Politiker, gesellschaftliche Entwicklungen und menschliche Eitelkeiten gleichermaßen durch den satirischen Fleischwolf gedreht werden.

Die diesjährige Geschichte spielte mit einer ebenso einfachen wie treffenden Idee: Ein Wohnzimmer wird zur Bühne einer fiktiven Abschiedsparty für den langjährigen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Aus der gemütlichen Runde entwickelt sich schnell eine bissige, bisweilen überraschend kluge Abrechnung mit politischen Ritualen, Machtspielen und der gelegentlichen Distanz zwischen politischem Alltag und der Lebenswirklichkeit der Bürger. Kretschmann selbst war ebenfalls vor Ort – und sorgte mit seinem sympathischen Auftritt für den ein oder anderen rührenden Moment. Mit Doris Reichenauer, Thomas Schreckenberger und der legendären Putzfrau Gscheidle war die Hautevolee des schwäbischen Kabaretts vertreten. Für magische Momente sorgte Zauberkünstler Thorsten Strotmann, der gemeinsam mit politischen Figuren augenzwinkernd demonstrierte, dass Mathematik und Politik gelegentlich unterschiedliche Regeln kennen. Das eigentliche Highlight bleibt jedoch – wie in jedem Jahr – die Predigt selbst. Christoph Sonntag gelingt etwas, das im politischen Kabarett selten geworden ist: Kritik mit Nähe zu verbinden. Er verspottet Politik nicht von außen, sondern betrachtet sie mit dem Blick eines engagierten Bürgers. Seine Pointen treffen – bleiben aber menschlich.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich so viele Politiker Jahr für Jahr in die Zuschauerreihen setzen, obwohl sie wissen, dass sie gleich selbst Teil der Satire werden. So wird gelacht – und gleichzeitig nachgedacht.

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