Warum dieser Chor aus allen Nähten platzt 

2018 hat der Offene Chor des Musikwerks Stuttgart als etwa 40-köpfiges Ensemble angefangen. Mittlerweile locken die Proben Woche für Woche weit mehr als 200 Singwillige ins Stadtpalais, Tendenz weiter steigend. Wieso funktioniert das Konzept so gut? 

Bäääh! Mehr als 200 Personen trommeln sich auf die Brust wie Gorillas und machen dazu Geräusche wie eine riesengroße Ziegenherde. Und es bleibt tierisch. Mal ertönt ein vogelartiges U-uh, dann summt es wie im Bienenstock. Der Offene Chor wärmt sich stimmlich auf. Es geht tonal nach ganz unten und dann wieder in schwindelerregende Höhen. „Fangt oben an in der Kopfstimme und segelt nach unten“, sagt Arnd Pohlmann, und aus unzähligen Kehlen ertönt ein lockeres Aaah. 

Seit 2018 gibt es den Offenen Chor in Stuttgart. Dienstagabends treffen sich Singwillige jeden Alters im Foyer des Museums Stadtpalais. Noten schnappen, mitmachen – ohne Vorsingen, ohne Kenntnisse, ohne Verpflichtung. Der Offene Chor ist zwar als Angebot an den Verein Musikwerk Stuttgart angedockt, einer Mitgliedschaft bedarf es aber nicht. Alles läuft auf Spendenbasis. Trotz dieser Unverbindlichkeit funktioniert es. Zehn Chorhefte mit gut 60 Songs hat der bunte Haufen mittlerweile drauf – vierstimmig. „Es gibt einen Grundstock von Leuten, die schon lange dabei sind“, erklärt der Chorleiter Arnd Pohlmann, „es braucht viele erfahrene Chorsänger, damit es nicht im Chaos endet. Die anderen können sich dranhängen.“ Und so werden Pop- und Rocksongs geprobt, von Taylor Swift, Lady Gaga und Billie Eilish über Oasis und Coldplay bis hin zu Toto und The Who. „Man kann auch mit so einer wilden Gruppe genau arbeiten“, sagt der Dirigent.

Das niederschwellige Prinzip kommt bestens an. Zwar herrscht viel Fluktuation, doch im Schnitt zehn neue Gesichter sind pro Probe dabei. Viele bleiben. So wächst das Ensemble kontinuierlich – von anfangs gut 40 Sängerinnen und Sängern, die sich seinerzeit unter der Paulinenbrücke in Stuttgart-Süd getroffen haben, auf heute deutlich über 200. Im Verteiler, in den sich Interessierte aufnehmen lassen können, sind um die 700 Mailadressen von Personen aus Stuttgart und darüber hinaus. So ganz an den Erfolg gewöhnt hat sich der Gründer nach eigener Aussage noch nicht. „Es ist jedes Mal überraschend, wie viele Leute kommen“, sagt er. Er spricht von einer Ehre und Verantwortung gleichermaßen, „weil für viele der Treffpunkt wichtig ist“. 

Während der Offene Chor regelrecht überrannt wird, müssen anderswo traditionsreiche Chöre aufgeben. Ende 2024 hat es beispielsweise den Sängerkranz in Filderstadt-Bonlanden erwischt – nach 157 Jahren. Der Liederkranz Echterdingen hat aufgehört, und auch der Gesangverein Steinhaldenfeld oder der Sängerkranz Degerloch, beide aus Stuttgart, existieren nicht mehr. Der Schwäbische Chorverband zählte laut dem Geschäftsführer Johannes Pfeffer 2024 in Summe 1402 Vereine. Zehn Jahre zuvor waren es noch 1639 gewesen. Hinzu komme, dass die Ensembles kleiner würden. „Es geht schon zurück“, resümiert er. Viele Chöre seien durch eine voranschreitende Überalterung nicht mehr singfähig, Nachwuchs komme nicht nach. „Da hören viele dann auf.“

Der Chorverband versucht, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Gemeinsam mit anderen Verbänden habe man ein Coachingprogramm ins Leben gerufen, das Vereinen helfen soll, sich zukunftsfähig aufzustellen. Nach Johannes Pfeffers Erfahrung wollen sich die Menschen heute oftmals nicht mehr binden, Vereinsleben jedoch sei in der Regel mit Verpflichtungen verbunden. Gerade für junge Berufstätige sei das nicht leistbar. Er betont: „Ich glaube, das müssen viele Vereine reflektieren.“ Denn das Hobby habe durchaus Fans. „Die Leute haben schon Bock zu singen und trauen sich wieder“, sagt Johannes Pfeffer, gut erkennbar sei das am Stuttgarter Weihnachtssingen, zu dem stets Hunderte Menschen ins Gazi-Stadion kommen. „Es braucht den Rahmen dafür, und der verändert sich.“ Ähnlich sieht es Arnd Pohlmann. „Man muss konzeptionell schon wach bleiben. Du kannst nicht das Alte weiterfahren und drauf hoffen, dass die Jungen nachströmen“, sagt er. Mit dem Vorgänger des Offenen Chors, dem „Singen in der Abendsonne“, sei er 2017 beispielsweise kläglich gescheitert. Das Singen von Volksliedern im Pavillon auf dem Schlossplatz habe schlicht nicht gezündet.

Arnd Pohlmann (52) ist studierter Kirchenmusiker, arbeitet sowohl als Kantor in Kornwestheim als auch als künstlerischer Leiter des Musikwerks und Dirigent des renommierten Pop-Chors des Vereins. Nach seiner Erfahrung ist ein offener Chor, der seit Jahren besteht und nicht wie die Projektchöre nur punktuell zusammenkommt, bundesweit ein Alleinstellungsmerkmal. „Das Konzept ist doch wohl einmalig“, sagt er. 2025 wurden sowohl der Offene Chor als auch das offene Familiensingen, das Arnd
Pohlmann und seine Frau Jelena Gartstein-Pohlmann einmal im Monat ausrichten, mit dem Paul-Lechler-Preis bedacht, der an Projekte aus Baden-Württemberg vergeben wird, die gesellschaftliches Engagement und Zusammenhalt fördern.

„I‘m just a poor boy, nobody loves me“, singt Arnd Pohlmann an diesem Abend im Stadtpalais, und viele im Raum können sich ein Lachen nicht verkneifen. Beim Einstudieren von Queens Pop-Epos Bohemian Rhapsody ist die Stimmung gelöst, trotz komplexer Akkorde und viel Text. Hier und da fliegt jemand gesanglich aus der Kurve. Was soll‘s? „Es ist keine hochoffizielle Sache“, sagt Arnd Pohlmann. „Bei einer gut gelaunten Gruppe scheitert nichts.“ Wichtig sei der Spaß, und dass das Singen die Stimmung hebt, ist belegt. „Unsere körperliche und seelische Gesundheit profitiert davon enorm“, schreibt die Krankenkasse AOK auf ihrer Homepage. Demnach steigert Gesang die Immunabwehr, intensiviert die Atmung, wirkt entspannend, angstlösend und stressabbauend und setzt Glückshormone frei. „Forscher der schwedischen Universität Göteborg fanden zudem heraus, dass das Herz bei Menschen, die zum Beispiel im Chor zusammen singen, nach einer gewissen Zeit im gleichen Takt schlägt und sich der Herzrhythmus stabilisiert“, liest man dort.  Der Offene Chor ist Dauergast bei der Langen Nacht der Museen, begleitet Benefizaktionen – und hat 2019 vor den Fantastischen Vier und dem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann gesungen. Sogar eine Band aus den eigenen Reihen hat er hervorgebracht. Das spornt an – und wird von den begeisterten Mitgliedern weitergetragen. „Das ist eine unbezahlbare Werbung“, sagt Johannes Pfeffer. Dass alles im öffentlichen Raum stattfindet, im Stadtpalais, im Hauptbahnhof oder am Feuersee, hilft zusätzlich, die Bekanntheit zu steigern. Sichtbarkeit sei für jeden Chor wichtig, sagt Johannes Pfeffer. „Nur zu warten, bis die Leute kommen, ist sträflich.“ Und so wird der Offene Chor wohl weiterwachsen. Arnd Pohlmann freut sich darauf. „Möglichst viele Leute zu erreichen, ist mir ein Anliegen. Es ist wichtig, dass es ein fließendes Gewässer ist und kein stehender Tümpel.“

von Caroline Holowiecki

Fotos: Anton Richter

Chorleiter Arnd Pohlmann

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