„In Sachen Pünktlichkeit, Sauberkeit und Zuverlässigkeit spielen wir in der Champions League“
Gut 500 Busse und Bahnen, über 70 Linien, circa 720 Haltestellen, etwa 270 Kilometer Linienlänge, rund 3.700 Mitarbeitende: Das sind die nackten Zahlen, mit denen die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) ihren Anspruch als der Mobilitäts-Dienstleister in der Schwabenmetropole unterstreicht. Seit 1868 ist der zuverlässige Transport von Menschen aus Stuttgart und der Region an 365 Tagen im Jahr bis heute die Kernkompetenz des Unternehmens. Für bestmögliche Mobilität investiert die SSB nicht nur kräftig in die Infrastruktur, sondern stemmt sich auch mit kreativen Recruiting-Ideen und einer klaren Strategie erfolgreich gegen den Fachkräftemangel. Personalchefin Annette Schwarz verrät im Interview mit top magazin, wie sie mit ungewöhnlichen Aktionen, schwäbischen Tugenden und einer klaren Haltung neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnt – vom Bewerbungsbus auf dem Schlossplatz über ungewöhnliche Werbeaktionen bis zum Bierdeckel-Stammtisch. Ein Gespräch über Teamgeist, Unternehmenskultur, Frauen am Steuer – und warum Nahverkehr viel mehr ist als nur Tickets verkaufen.
top: Frau Schwarz, die SSB hat 2024 mit 401 Neueinstellungen ihr selbst gestecktes Ziel nicht nur erreicht, sondern sogar leicht übertroffen. Wie ist Ihnen das in Zeiten des Fachkräftemangels gelungen?
Schwarz: Das Wichtigste dabei sind unsere Mitarbeitenden in der Personalabteilung und dass die Prozesse in unserem Personalbereich stimmen. Ein Bewerber muss heute schnell eine Antwort bekommen. Wir alle kennen das beispielsweise von Amazon: Heute bestellt, morgen geliefert – eine schnelle Reaktion erwarten die Menschen auch von ihrem potenziellen Arbeitgeber. Zweitens: Wir dürfen nicht warten, bis die Bewerber zu uns kommen. Wir gehen aktiv auf die Menschen zu, zum Beispiel mit unserem Bewerbungsbus auf dem Schlossplatz. Ohne Bewerbungsunterlagen, ohne Termin – man steigt ein, löst eine schriftliche Aufgabe, führt ein 30-minütiges Gespräch und bekommt sofort eine Zu- oder Absage, vorbehaltlich der medizinischen Untersuchung. Mit derselben einfachen Systematik führen wir sehr erfolgreich auch die Bewerbungstage bei uns auf dem SSB-Gelände in Stuttgart-Möhringen durch. Drittens: Vor Weihnachten haben wir den Mitarbeitenden Flyer mitgegeben, die sie den Paketboten in die Hand drücken konnten. Tenor: „Wechsel doch zur SSB.“ Nicht vergessen möchte ich unsere „0711-Prämie“: Für jede erfolgreiche Mitarbeiterempfehlung bekommt die oder der Werbende 711 Euro, wenn die Person die Probezeit besteht. Bleibt sie zwei Jahre, gibt es nochmal 711 Euro. So haben wir fast ein Drittel der Einstellungen geschafft. Das funktioniert aber nur, wenn die Unternehmenskultur stimmt.
top: Was zeichnet diese Kultur aus?
Schwarz: Viele schwäbische Tugenden wie Fleiß, Sauberkeit und ein hoher Anspruch an unsere Arbeit, den unsere Mitarbeitenden täglich leben. Auch auf eine gute Zusammenarbeit und Teamwork legen wir großen Wert. Dies fördern wir unter anderem durch unsere Mitarbeiterfeste, gemeinsame Sportaktivitäten, aber auch über Austauschformate, in denen der Vorstand für alle Mitarbeitenden ein Ohr hat. Dieser wertschätzende Umgang spiegelt sich auch in unserem Produkt wider. Unsere Stadtbahnen und Busse sind gut gepflegt und in Schuss – vorhandener Müll wird zeitnah entsorgt, Beschädigungen werden so schnell wie möglich repariert. Das ist unser Selbstverständnis. Wir verfügen über eine enorme Fertigungstiefe. Ob Elektriker, Mechaniker, Sattler, Schreiner und vieles mehr: Wir können fast alles selbst. Dazu kommt, dass wir bei uns allein im Fahrdienst fast 100 Berufsbilder haben. Bei uns arbeiten Menschen aus über 50 Nationen. Auch diese Vielfalt macht uns krisenfest. Wenn irgendwo im Netz der SSB ein Unfall passiert, merken Sie das normalerweise kaum. Wir räumen auf, organisieren Ersatzverkehr, Taxis – alles läuft weiter.
top: Die Personalgewinnung bleibt auch in den nächsten Jahren eine strategische Priorität. Welche Projekte haben Sie dafür noch in der Pipeline?
Schwarz: Wir werden zukünftig noch mehr in Chancengleichheit, Bildung und Sozialleistungen investieren. Aktuell bauen wir zum Beispiel in unserem neuen Verwaltungsgebäude Arbeitsplätze der Zukunft und auch eine eigene Kita. Darüber hinaus bekommt bei uns jedes Kind unserer Mitarbeitenden kostenlosen Nachhilfeunterricht. Ein großes Thema ist auch die Sprache. Unsere Bewerber für den Fahrdienst müssen unbedingt Deutsch sprechen können – das ist absolut sicherheitsrelevant. Denn ein Fahrer ist nach einem Unfall oft zehn Minuten allein mit 200 Fahrgästen: Er muss die Polizei informieren, der Leitstelle funken, eine Fahrgastansage machen, möglicherweise einen kleineren Brand löschen, Erste Hilfe leisten, evakuieren. Ohne ausreichende Deutschkenntnisse ist das unmöglich. Wir haben Bewerber, die wären geeignet, aber die Sprachkenntnisse sind unzureichend. Deshalb arbeiten wir auch mit der Volkshochschule zusammen und bieten spezielle Busfahrer-Deutschkurse an. Da lernen die Leute weniger Standardvokabeln rund um Einkaufen, Restaurantbesuche, Kultur oder sportliche Aktivitäten, sondern genau das, was im Arbeitsalltag gebraucht wird: Ticketverkauf, Fahrplanauskunft und die Kommunikation mit der Leitstelle. Während dieser Deutsch-Ausbildung zahlen wir sogar das Grundgehalt der zukünftigen Fahrerinnen und Fahrer.
top: Ein weiteres Herzensanliegen von Ihnen ist es, mehr Frauen in den Fahrdienst zu holen. Warum ist das so schwierig?
Schwarz: Weil schon beim Führerschein viele den Satz hören: „Frau am Steuer, das wird teuer.“ Das gibt’s wirklich noch! Manche Frauen trauen sich einfach noch nicht zu, so ein großes Fahrzeug zu fahren. Wir wollen das ändern. Im vergangenen März waren wir deswegen mit einem speziellen Bewerbungsbus auf dem Schlossplatz, mit Besuch unseres Oberbürgermeisters Nopper, mit vielen weiblichen SSB-Busfahrerinnen als Ansprechpartnerinnen und besonderen Goodie-Bags für Frauen. Wir haben tolle Fahrerinnen, aber leider noch viel zu wenige. Der Frauenanteil liegt hier nur bei etwa 10 Prozent, in der Stadtbahn immerhin bei etwa 30 Prozent. Das hat allerdings auch damit zu tun, dass sich die Fahrerinnen in der Bahn in einem abgeschlossenen Raum befinden. Somit besteht eine größere Distanz zu den Fahrgästen – manche Fahrerinnen fühlen sich da wohler.
top: Haben die Aggressionen der Fahrgäste in den letzten Jahren zugenommen?
Schwarz: Leider ja, wie in vielen Bereichen der Gesellschaft. Besonders gravierend bemerken wir das im Prüfdienst, weswegen unsere Kontrolleure zu gewissen Tageszeiten in der Regel nur noch mit einem Sicherheitsdienst unterwegs sind. Aber es gibt auch schöne Seiten: Jede Woche helfen unsere Kolleginnen und Kollegen, verlorene Kinder heimzubringen, leisten Erste Hilfe, retten Tiere aus der Bahn. Die SSB ist einfach präsent.
top: Sie haben auch neue Ideen, um Menschen anzusprechen?
Schwarz: Ja, wir denken über „3-B-Stammtisch-Recruiting“ nach – Bier, Bus, Bratwurst. In Kneipen Interessierte treffen, Bewerbung auf dem Bierdeckel – ganz niederschwellig. Auch so wollen wir neue Zielgruppen erreichen, in entspannter Runde bei alkoholfreiem Bier.
top: Welche Erfahrungen aus Ihrer Zeit beim VfB, dem DFB und der UEFA konnten Sie ins Recruiting bei der SSB mitnehmen?
Schwarz: Eine gute Vorbereitung ist alles. Man muss ganz genau wissen, wen man sucht. Und: Mit dem Bewerber in Kontakt bleiben! Manche Unternehmen wundern sich, wenn jemand am ersten Arbeitstag nicht kommt, sie also „geghostet“ werden. Oft liegt es nur an Kleinigkeiten. Deshalb ist der Austausch von den Recruitern mit den neuen Mitarbeitenden extrem wichtig. Ein Azubi sagte mal: „Ich habe kein Zimmer in Stuttgart gefunden und habe die Ausbildung bei der SSB deshalb nicht angetreten.“ Also haben wir Azubi-WGs eingerichtet – möbliert, günstig, wie ein Studentenwohnheim. Ein anderes Beispiel: Manche Arbeitnehmer wissen nicht, wie man beim alten Arbeitgeber formal richtig kündigt. Dann helfen wir. Der persönliche Kontakt macht den Unterschied. Meine Devise: Immer nachfragen, wenn’s mal hakt.
top: Wie kam es überhaupt zum Wechsel vom Fußball zum ÖPNV?
Schwarz: Eigentlich ganz klassisch: Ich wurde von einem Headhunter angesprochen, der mich schon zum Fußball gebracht hatte und von meinem Wunsch wusste, mich wieder in Richtung Heimat zu begeben. Er rief mich an und sagte, er hätte eine Top-Stelle für mich: Personalchefin bei der SSB. Daraufhin meinte ich, Fußball und der ÖPNV hätten ja überhaupt nichts miteinander zu tun. Darauf sagte er: „Doch, beide verkaufen Tickets und die suchen eine anpackende Spielmacherin.“ Ich habe gelacht und war zuerst etwas skeptisch, schnell hat mich aber die Tatsache überzeugt, dass Mobilität ein Megatrend ist. Den ÖPNV hier in Stuttgart mit meinen Möglichkeiten so optimal wie möglich weiterzuentwickeln, ist für mich ungemein spannend. Schließlich verzeichnen wir pro Tag 600.000 Fahrgäste – also zehn Mal die MHP Arena. Die SSB hat im Jahr mehr Fahrgäste als die Lufthansa weltweit. Unbesetzte Stellen speziell im Fahrdienst können wir uns daher nicht leisten. Aber wir stehen gut da, in Sachen Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit spielen wir in der Champions League.
top: Die Mobilitätswende ist in aller Munde — was bedeutet das für die Beschäftigten der SSB? Müssen sich Berufsbilder verändern?
Schwarz: Ja, und zwar massiv. Es ist zum Beispiel unser Ziel, dass wir bis 2027 keine Dieselbusse in der Stuttgarter Innenstadt mehr einsetzen. Das impliziert Herausforderungen wie den Auf- respektive Ausbau einer entsprechenden Ladeinfrastruktur, neue Fahrzeuge, neue Technologie und neue Ausbildung. E-Mobilität und Batteriesicherheit, aber auch KI und Predictive Maintenance sind für uns momentan ganz akute Themen auch in Bezug auf die Aus- und Weiterbildung.
top: Fahren Sie privat auch Bus und Bahn?
Schwarz: Ja, fast täglich. Ich wohne im Stuttgarter Westen, meine Haltestelle ist der Berliner Platz, von dort kommt man überall schnell hin. Ich genieße das – die Fahrerinnen und Fahrer winken, man kennt sich und redet miteinander.
top: Die SSB schreibt seit Jahren rote Zahlen – wie gehen Sie damit um?
Schwarz: Das wird oft falsch interpretiert. Ja, wir kosten. Aber wir bringen der Gesellschaft einen enormen Mehrwert: weniger Umweltbelastung, weniger Stau, höhere Sicherheit, viel Zeitersparnis, höhere Immobilienwerte. Denn dort, wo Stadtteile an das SSB-Netz angeschlossen sind, steigen die Immobilienpreise. Jeder investierte Euro im ÖPNV bringt drei Euro zurück. Dieser Beitrag kommt allerdings nicht in unserer Kasse an. Wichtig ist aber, dieses Bewusstsein dafür in der Gesellschaft, in der Wirtschaft und in der Politik weiter zu verankern.
top: Wo sehen Sie die SSB in fünf bis zehn Jahren?
Schwarz: Wir wollen der Top-Mobilitätsanbieter der Region bleiben. Mein Ziel ist es, noch mehr Menschen zu motivieren, freiwillig vom Auto auf Bus und Bahn umzusteigen. Dafür arbeiten wir jeden Tag.
top: Seit Juni 2024 sind Sie auch Mitglied des Beirats der Strategie- und Personalberatung Sportheads. Was hat es damit auf sich?
Schwarz: Sportheads berät nationale und internationale Kunden aus dem Sport vor allem in den Bereichen strategische Personalplanung, Executive Search, Recruiting, Market Intelligence, Digitalisierung und Wachstumsstrategien. Im Beirat sitzen etliche ehemalige Topmanager aus der Fußballszene. Ich wurde gefragt, ob ich mich mit meinen Erfahrungen und meinem Netzwerk einbringen will. Das tue ich gerne, denn mein Telefonbuch aus meiner Fußballzeit ist immer noch riesengroß.
top: Was möchten Sie jungen Frauen mitgeben, die Führungspositionen anstreben?
Schwarz: „Habt mehr Mut!“ Ein erstes Nein ist noch lange nicht das Ende. Es gibt ein Rückspiel, eine zweite Halbzeit, eine Relegation. Dranbleiben lohnt sich.
Das Gespräch führten Kirsi Fee Wilhelm und Matthias Gaul