Im Gespräch mit Prof. Dr. Christiane Lange

„Wir zeigen immer das Beste, das wir haben“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, über die Bedeutung der Sammlung, aktuelle Entwicklungen und die Pläne für 2026. Die Staatsgalerie Stuttgart zählt zu den renommiertesten Kunstmuseen Deutschlands – mit einer Sammlung, die von der Kunst der Alten Meister bis in die Gegenwart reicht. Und einer Programmatik, die immer wieder gesellschaftliche Themen aufgreift. Seit 2013 leitet Prof. Dr. Christiane Lange das Haus und hat es inhaltlich wie strukturell stark geprägt. Im Interview mit top magazin spricht sie über neue Schwerpunkte, das kommende Ausstellungsjahr 2026 und ihre Vision für die Zukunft des Museums.

top: Frau Prof. Lange, wo sehen Sie die Staatsgalerie im internationalen Vergleich etwa mit der Tate Modern in London oder dem Centre Pompidou in Paris?

Lange: Mit dem Centre Pompidou verbindet uns die anstehende Sanierungsmaßnahme. Viele Museen, deren Architektur in den 1970er-Jahren geplant und die in den 1980er-Jahren eröffnet wurden, stehen heute vor ähnlichen Herausforderungen. Was uns von internationalen Häusern unterscheidet, ist das föderale System in Deutschland. Wir haben keinen Louvre, keine National Gallery und keinen Prado, sondern in jedem Bundesland eigenständige, bedeutende Sammlungen. Das ist typisch deutsch – einerseits ein Grund für Stolz, andererseits fehlt manchmal die große nationale Konzentration.

top: Was ist für Sie der Vorteil dieses föderalen Systems?

Lange: Der größte Vorteil ist die Vielfalt. Überall im Land finden sich großartige Sammlungen mit eigenem Profil und einer eigenen Geschichte. Es gibt kein zentral gesteuertes „Franchise-Modell“, sondern regionale Entwicklungen, Spezifika und einen belebenden Wettbewerb. Schon im
18. Jahrhundert wollten Herrscher wie August der Starke oder die Württemberger immer das Schönste besitzen – das hat die Vielfalt der Sammlungen befördert. Heute profitieren wir davon: In kaum einem anderen Land findet man ein so dichtes kulturelles Netz wie in Deutschland.

top: Bringt der Föderalismus auch finanzielle Vorteile mit sich?

Lange: Kultur ist in Deutschland Ländersache. Das hat historische Gründe, weil unser Land praktisch nie zentralistisch war. Nach 1945 war es auch eine bewusste Entscheidung, die kulturelle Verantwortung in die Regionen zu geben. Natürlich heißt das auch, dass Städte und Länder in Konkurrenz stehen. München, Dresden oder Hamburg vermarkten sich seit Jahrzehnten erfolgreich als Kulturstädte. Stuttgart dagegen ist zwar keine Touristenstadt im klassischen Sinn, hat aber kulturell unglaublich viel zu bieten.

top: Fehlt also mehr Außenwerbung für Stuttgart als Kulturstadt?

Lange: Unbedingt. Stuttgart wird nach außen vor allem als Autostadt wahrgenommen – Mercedes, Porsche, Bosch. Aber im Großraum Stuttgart gibt es Oper, Ballett, Museen, Liederhalle, Bachakademie, Marbach a. N. – Kultur auf höchstem Niveau. Nur wird das kaum kommuniziert. Dabei sind die Stuttgarter nicht nur „Käpsele“, sondern auch Kulturmenschen.

top: Welche Schwerpunkte zeichnen die Sammlung der Staatsgalerie besonders aus?

Lange: Herausragend ist unsere Klassische Moderne, also die Zeit von 1900 bis etwa 1960. Baden-Württemberg hatte ab 1956 die großartige Idee, Erlöse aus Wettmitteln für Kunstankäufe zu nutzen – dadurch konnten wir Spitzenwerke kaufen. Vergleichbar ist allenfalls Nordrhein-Westfalen, das nach dem Krieg die Kunstsammlung NRW in  Düsseldorf aufgebaut hat.  In Stuttgart ist die Klassische Moderne aber eingebettet in einen Bestand, der bis ins 14. Jahrhundert reicht – von Rubens über Rembrandt bis hin zu Tiepolo.

top: Arbeiten Sie derzeit an neuen Erwerbungen?

Lange: Ja, sehr intensiv. Schon in den 1980er-Jahren hat die Staatsgalerie mit den Sammlungen von Rolf Mayer und Rolf H. Krauss eine Fotografie-Abteilung gegründet, als Fotografie noch kaum als Kunst galt. Jüngst konnten wir große Teile der Sammlung von Dietmar Siegert erwerben und sind damit außerhalb Frankreichs das Haus mit der größten Sammlung surrealistischer Fotografie. Daraus entsteht Ende 2026 eine große Surrealismus-Ausstellung mit Werken aus Fotografie, Malerei und Skulptur.

top: Welche Ausstellungen waren für das Haus in den letzten Jahren besonders prägend?

Lange: Ganz sicher „Modigliani“ – eine Schau, an der wir lange gearbeitet haben und die auf unserem berühmten liegenden Akt aus der Sammlung Moltzau aufbaute. Auch die große Oskar-Schlemmer-Retrospektive 2014, nach Freigabe der Bildrechte, war ein Meilenstein. Und unsere großen Altmeisterprojekte – Tiepolo, Carpaccio, Rubens, der Meister von Meßkirch – zeigen, dass wir kein reines Museum der Moderne sind, sondern sieben Jahrhunderte Kunstgeschichte präsentieren. Aktuell ist natürlich die Schau von Katharina Grosse wichtig, ebenso unsere bewusste Sammlungspolitik zeitgenössischer weiblicher Positionen.

top: Sie achten also verstärkt auf Künstlerinnen?

Lange: Ja, aber nicht als Quote. Qualität steht immer an erster Stelle. Wenn wir Werke von Frauen wie Maria Lassnig, Ulrike Ottinger, Teresa Margolles oder Doris Salcedo erwerben, dann weil sie unsere Sammlung auf höchstem Niveau ergänzen. Es geht um Augenhöhe, nicht um Statistik.

top: Wie wichtig sind Stifter und Förderer für solche Ankäufe?

Lange: Unverzichtbar. Wir haben in Baden-Württemberg mit der Museumsstiftung und dem Zentralfonds hervorragende Voraussetzungen. Und unser Förderkreis ist einer der größten und engagiertesten in Deutschland – das sind Menschen, die sich wirklich mit dem Haus identifizieren.

top: Ist es schwieriger geworden, Sponsoren zu finden?

Lange: Ja, Sponsoring durch Unternehmen hat leider deutlich nachgelassen. Es sind heute vor allem Stiftungen, die uns unterstützen.

top: Wie läuft die Entscheidung über Ankäufe ab?

Lange: Ich entscheide das selbstverständlich nicht allein. Zunächst diskutieren wir im Team der Kuratorinnen und Kuratoren, dann geht es je nach Finanzierung in die Gremien – Museumsstiftung oder Förderkreis. Auf jeden Fall muss ein Werk aber immer auf höchstem Niveau sein, sodass es sich problemlos in unsere Sammlung einfügt. Qualität erkennt man im Vergleich, und in Stuttgart liegt die Messlatte sehr hoch.

top: Nach welchen Kriterien wählen Sie aus, welche Werke gezeigt werden?

Lange: In der ständigen Sammlung wollen wir die gesamte Breite zeigen – von den Altdeutschen über das 19. Jahrhundert bis zur Moderne. Natürlich spielen konservatorische Aspekte eine Rolle: Zeichnungen oder Fotografien dürfen nur kurze Zeit hängen. Aber wir zeigen immer das Beste, das wir haben. Die Räume sind bewusst reduziert gehängt – das Einzelwerk soll wirken.

top: Wie groß ist die Sammlung insgesamt?

Lange: Etwa 6.000 Gemälde und Skulpturen sowie rund 265.000 Arbeiten auf Papier – historisch bedingt, da die Staatsgalerie aus dem königlichen Kupferstichkabinett hervorging.

top: Wie gehen Sie mit Themen wie Diversität und Kanonrevision um?

Lange: Wir versuchen, Leerstellen zu füllen, aber entscheidend bleibt die künstlerische Qualität. Wir kaufen kein Werk, weil jemand queer, weiblich oder männlich ist, sondern weil es großartig ist. Kunst muss berühren – unabhängig von Herkunft oder Identität.

top: Wie stehen Sie zu Künstlern mit problematischer Vergangenheit wie zum Beispiel Emil Nolde?

Lange: Wir zeigen seine Werke weiterhin, aber mit erläuternden Texten. Es war nie ein Geheimnis, dass Nolde NS-Parteimitglied war, sich aber später als Opfer stilisierte. Wir müssen diese Widersprüche offen thematisieren, aber nicht Kunst zensieren. Eine moralische Bevormundung des Publikums lehne ich ab.

top: Forschung spielt in der Staatsgalerie traditionell eine große Rolle. Welche Schwerpunkte setzen Sie künftig?

Lange: Neben dem Hölzel- und dem Schlemmerarchiv betreuen wir auch das Fluxusarchiv Sohm. Wir sind kein reines Archiv, sondern ein Museum – aber ein wichtiger Ort für Forscherinnen und Forscher weltweit. Kunstgeschichte lebt vom Original, nicht nur von Theorie. Dank moderner Technologien wie Infrarotspektrografie oder mikroskopischer Analysen können wir heute viel tiefer in Werke blicken.

top: Wie hat sich die Vermittlungsarbeit verändert, auch durch Digitalisierung und Pandemie?

Lange: Wir haben heute ein „gedoppeltes Museum“: analog und digital. Rund 23.000 Werke sind bereits über unsere „Sammlung Digital“ online recherchierbar. Gleichzeitig hat sich die Kommunikation professionalisiert – Social Media ist wichtig, aber der Fokus bleibt auf dem Original. Wir wollen Menschen digital ansprechen, um sie ins Museum zu holen. Der persönliche Kontakt mit Kunst ist durch nichts zu ersetzen.

top: Wie gelingt es, ein junges Publikum zu gewinnen?

Lange: Seit einigen Jahren ist der Eintritt bis 20 Jahre dank der L-Bank frei, das hat sofort Wirkung gezeigt. Wir bieten viele Schulprogramme und Formate wie das „Weekend Warm-up“ – eine Party mit offenem Museum, Führungen und Performances. Damit erreichen wir regelmäßig rund 1.500 Gäste. Schwieriger ist es, dass Museumsbesuche in deutschen Lehrplänen nicht fest verankert sind – in Frankreich oder England ist das selbstverständlich.

top: Ab 2028 steht die große Sanierung an. Wird die Staatsgalerie dann geschlossen?

Lange: Nein, zu keinem Zeitpunkt. Es wird Teilabschnitte geben, aber wir bleiben geöffnet. Ab 2027 nutzen wir das Kunstgebäude am Schlossplatz für die Klassische Moderne – ein Glücksfall. So bleiben wir auch während der Bauphase sichtbar.

top: Welche Ausstellungen sind für die kommenden Jahre geplant?

Lange: Nach der Surrealismus-Schau folgt ein großes Projekt zu den württembergischen Altären – ein wichtiges Forschungsthema. Weitere Projekte sind in Planung, die Finanzierung ist aber noch offen.

top: Ihr Vertrag läuft bis 2031. Wie möchten Sie, dass man sich an Ihre Zeit erinnert?

Lange: Ich hoffe, man erkennt, dass wir das Haus strukturell zukunftsfähig gemacht haben – mit Qualitäts-, Energie- und Umweltmanagement. Die Sanierung wird ein großer Erfolg, auch energetisch. Unsere Sammlung ist strategisch in jeder Hinsicht weiterentwickelt worden. Wir haben uns in Provenienzforschung und Nachhaltigkeit als Vorreiter positioniert und insgesamt sehr solide unsere Hausaufgaben gemacht. Darauf bin ich stolz.

Das Gespräch führte Matthias Gaul

Fotos: Maks Richter

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