Was tun, wenn die Hormone ab 40 durchdrehen?
Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen: Die Menopause bringt für viele Frauen im reiferen Alter spürbare Veränderungen mit sich. Die Symptome sind aber ebenso unterschiedlich wie ihre Ausprägung. Wie soll man da durchblicken – und wo bekommt man Hilfe?

Heidi Klum ist gerade 53 Jahre alt geworden – und steckt mittendrin. „So heiß wie jetzt war mir noch nie“, sagte das Supermodel kürzlich in einem Fernsehinterview abseits der Filmfestspiele in Cannes. Früher sei sie stets eine Frostbeule gewesen, mittlerweile aber schwitze sie nahezu permanent. „Mir läuft hier die Suppe runter“, sagte sie in die Kamera. Zuvor hatte sie schon in einem anderen Interview über ihren Körper gesprochen. „Ich bin nicht schwanger, ich bin einfach ein bisschen dicker.“ Und dann folgte der entscheidende Satz. „Das sind die Wechseljahre.“
Keine Frau ist davor gefeit. „Die Menopause ist allerdings keine Krankheit, sondern ein natürlicher hormoneller Veränderungsprozess“, erklärt die Stuttgarter Gynäkologin Dr. Eva Passian. Sie ist definiert als jener Zeitpunkt, an dem die letzte Periode zwölf Monate zurückliegt. Die Spanne davor, also die Phase der hormonellen Umstellung, ist die Prä- beziehungsweise die Perimenopause. In der Regel geht es in den Vierzigern los mit der Achterbahnfahrt der Hormone. Durch Schwankungen im Östrogen- und Progesteronspiegel kommt es zu Zyklusveränderungen, ebenso kann eine Vielzahl von Beschwerden auftreten. Oftmals beginnen die Symptome schleichend und unspezifisch.
Keine Frau erlebt diese Lebensphase gleich. Während die eine kaum Veränderungen bemerkt, kämpft die nächste mit Schlafstörungen, Migräne oder Hitzewallungen. Andere berichten über Erschöpfung, Haarausfall oder Stimmungsschwankungen. „Genau diese Vielfalt macht eine individuelle Beratung und Diagnostik so wichtig,“ so die Ärztin. Oft seien die Beschwerden diffus, könnten auch andere Ursachen haben. So muss beispielsweise eine Schlafstörung auch in den Wechseljahren nicht zwingend hormonbedingt sein. Mit einer Hormonanalyse allein sei es nicht getan, da sie lediglich den – mitunter stark schwankenden – Hormonspiegel zum Zeitpunkt der Blutabnahme abbilde. „Die Prämenopause ist charakterisiert durch ein Durcheinander“, sagt die 53-jährige Gynäkologin. Fakt ist: Das Thema Prä-, Peri- und Menopause rückt zunehmend öffentlich in den Fokus. Was früher vielen Frauen peinlich war, wird heute breit diskutiert. Eva Passian begrüßt das ausdrücklich. „Unsere Mütter haben nicht darüber geredet“, sagt sie. Das Gros der Frauen heute sei grundsätzlich informiert. Allerdings gibt es auch Schattenseiten der intensiv geführten Debatte, denn wie aus einer Mitteilung der Deutschen Menopause Gesellschaft und des Berufsverbands der Frauenärztinnen und Frauenärzte hervorgeht, berichten viele Frauen von einer wachsenden Verunsicherung. „Widersprüchliche Informationen aus sozialen Medien, persönliche Erfahrungsberichte oder unterschiedliche Empfehlungen erschweren die Einordnung der eigenen Beschwerden“, heißt es dort. Vielen Patientinnen fehle die Orientierung in der „Zone of Chaos“, also in der Chaoszone.Tatsächlich ist es schwierig, sich zwischen den zig Homepages, Büchern, Influencern, Podcasts und Produktangeboten zurechtzufinden. Dass Fakten sich mitunter mit Mythen und Abzocke mischen, weiß auch Eva Passian. „Was macht die Frau, wenn sie schlecht beraten ist? Sie googelt.“ Hinzu komme, dass es selbst im eigenen Berufsstand unterschiedliche Meinungen und Herangehensweisen gebe. Sie selbst betont, dass in ihrem Studium die Menopause nicht thematisiert worden sei, „auch in der Facharztausbildung fand das Thema wenig Berücksichtigung.“ Bis heute sei die Studienlage dünn. Manche vor Jahrzehnten getroffene Aussage, etwa zum Thema Hormonpräparate und erhöhte Krebsgefahr, sei laut Eva Passian mittlerweile überholt, Neue und moderne Ansätze in der hormonellen Behandlung würden aufgrund mangelnder Studienlage nicht berücksichtigt, aktualisierte Leitlinien fehlten. Für intensive Arztgespräche sei sowieso in vielen Praxen keine Zeit. „Es ist bei uns im Gesundheitssystem bislang nicht vorgesehen“, sagt Eva Passian und resümiert: „Die Frauen sind oft unzufrieden.“ Was es nach ihrem Dafürhalten braucht? In erster Linie mehr Zeit für die Patientinnen und eine bessere Beratung. „Fachärzte müssen entsprechend informiert sein“, betont sie, gerade auch bei der interdisziplinären Zusammenarbeit hake es. Hoffnung setzt sie in den Koalitionsvertrag, der 2025 auf Bundesebene unterzeichnet wurde. Dort hat nämlich eine Verbesserung der Frauengesundheit Einzug gefunden, und dabei geht es explizit um eine Enttabuisierung der Wechseljahre, außerdem um eine Aufklärungs- und Forschungsoffensive. Im Kern sollen mehr Sichtbarkeit, gesellschaftliche Akzeptanz und eine bessere medizinische Versorgung herbeigeführt werden.
Ein erster Wandel zeigt sich bereits in der Arbeitswelt. Unternehmen erkennen zunehmend, dass die Wechseljahre nicht nur ein Gesundheitsthema, sondern auch ein relevantes Führungs- und Personalthema sind. Als positives Beispiel nennt Dr. Passian die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Mit ihrer Initiative „Women on Fire“ setzt das Stuttgarter Unternehmen auf Aufklärung, Austausch und Sichtbarkeit rund um Frauengesundheit.
Die fundierte Beratung und Diagnostik sowie individuell abgestimmte Therapien waren, sind und bleiben das A und O beim Thema Menopause. „Frauen brauchen keine selbst ernannten Hormon-Coaches, sondern verlässliche medizinische Ansprechpartner. Wir begleiten Patientinnen oft über viele Jahre hinweg und können Veränderungen früh erkennen, einordnen und gemeinsam passende Behandlungsmöglichkeiten entwickeln“, betont Markus Haist, der Präsident des Berufsverbands der Frauenärztinnen und Frauenärzte. Eva Passian ist da bei ihm. Die persönliche Beratung in einer Fachpraxis sei absolut empfehlenswert „Letztendlich sollte jede Frau aufgeklärt werden, was Hormone alles können.“
Das Frauengesundheitsportal des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit – ehemals Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – hat Antworten auf viele Fragen gesammelt. Dort erfahren die Leserinnen, wie die hormonelle Umstellung während der Wechseljahre verläuft, welche möglichen Beschwerden auftreten können, für welche Erkrankungen rund um die Wechseljahre das Risiko steigt und was sie tun können, um Wechseljahresbeschwerden zu lindern. Auch der Verein Deutsche Menopause Gesellschaft informiert auf seiner Homepage. Eva Passian empfiehlt zum Einstieg in das Thema zudem das Buch „Hot Stuff – Wechseljahre-Wissen to go“, geschrieben von den Macherinnen des Podcasts „Hormongesteuert“, Dr. Katrin Schaudig, der Präsidentin der Deutschen Menopause Gesellschaft, und der Journalistin Katrin Simonsen. „Je mehr Wissen vorhanden ist, desto weniger Angst entsteht. Die Wechseljahre sind kein Ende. Für viele Frauen sind sie der Beginn einer neuen, selbstbestimmten Phase ihres Lebens“, so Eva Passian.
Von Caroline Holowiecki
