Im Gespräch mit Guido von Vacano 

„Wir wollen Impulse geben und die Menschen begeistern“

Seit wenigen Wochen steht Guido von Vacano an der Spitze der in.Stuttgart Veranstaltungsgesellschaft. Der langjährige Messemanager verantwortet damit einige der bekanntesten Veranstaltungen und Locations der Region – vom Cannstatter Volksfest über den Stuttgarter Weihnachtsmarkt bis hin zu Schleyer-Halle, Porsche-Arena, Liederhalle, BÜRGER Freilichtbühne und dem Easy Ticket Service. Im Interview mit top magazin spricht er über Aufbruchstimmung, die Bedeutung von Tradition, neue Ideen für Stuttgart und darüber, warum Veranstaltungen weit mehr sind als bloße Unterhaltung.

top: Herr von Vacano, wie fühlt sich Ihr neuer Arbeitsplatz bei in.Stuttgart an?

von Vacano: Sehr gut. Was mich von Anfang an beeindruckt hat, war die Art des Übergangs. Mein Vorgänger Andreas Kroll hat das Haus über viele Jahre geprägt, und trotzdem wurde dieser Wechsel von großer Wertschätzung begleitet. Das ist nicht selbstverständlich. Gleichzeitig empfinde ich es als großes Geschenk, auf ein so erfahrenes Team zu treffen. Veränderung funktioniert immer dann besonders gut, wenn Erfahrung und neue Ideen zusammenkommen. Ich habe einmal einen Satz gehört, den ich nie vergessen werde: „Neue Besen kehren gut, alte kennen die Ecken.“ Wenn beide Seiten einander respektieren, entsteht daraus etwas sehr Starkes.

top: Sie kommen aus der Messebranche. War der Wechsel trotzdem eine Umstellung?

von Vacano: Absolut. Das Veranstaltungswesen war zwar schon immer mein Zuhause, aber die Aufgaben hier sind noch vielfältiger. Gleichzeitig gibt es viele Gemeinsamkeiten. Ob Messe oder Volksfest –
am Ende geht es immer darum, Menschen zusammenzubringen und ihnen eine besondere Zeit zu ermöglichen. Was sich verändert hat, ist die Geschwindigkeit. Erwartungen ändern sich schneller, Sicherheitsanforderungen wachsen, wirtschaftliche Rahmenbedingungen verändern sich permanent. Veranstaltungen müssen heute beweglicher sein als je zuvor.

top: Gab es etwas, das Sie besonders überrascht hat?

von Vacano: Ja, und zwar positiv überrascht: die Begeisterung der Mitarbeitenden. Nach meinen ersten Wochen habe ich mir eine persönliche Bestandsaufnahme gemacht – was läuft gut, wo liegen Herausforderungen? Ganz oben auf meiner Liste stand die Leidenschaft der Menschen hier. Viele Mitarbeitende identifizieren sich unglaublich stark mit ihren Veranstaltungen. Sie wollen etwas bewegen, sie wollen Menschen begeistern. Diese Energie spürt man sofort. Das ist eine enorme Stärke der in.Stuttgart.

top: Sie sprechen häufig von Begeisterung. Was macht für Sie eine wirklich gute Veranstaltung aus?

von Vacano: Für mich besteht die größte Aufgabe eines Veranstalters darin, Menschen positiv zu überraschen. Erwartungen zu erfüllen, reicht nicht aus. Begeisterung entsteht erst dann, wenn man etwas mehr bietet, als die Besucher erwartet haben. Das gilt für ein Konzert genauso wie für einen Weihnachtsmarkt oder ein Volksfest.

„Jede starke Veranstaltung braucht auch eine starke Erzählung.“

top: Das Cannstatter Volksfest ist eines der bekanntesten Aushängeschilder der Stadt. Wo sehen Sie dort die größten Chancen für die Zukunft?

von Vacano: Zunächst einmal müssen wir uns bewusst machen, welche Stärke wir hier haben. Das Cannstatter Volksfest ist das zweitgrößte Volksfest der Welt. Allein diese Tatsache ist beeindruckend. Gleichzeitig glaube ich, dass wir die Geschichte des Volksfests noch stärker erzählen sollten. Die meisten Menschen verbinden das Fest mit Fahrgeschäften und Festzelten. Aber die Entstehungsgeschichte ist viel größer. Das Volksfest entstand vor über 200 Jahren in einer Zeit des Wandels und des Wiederaufbaus. Es ist eigentlich ein Fest der Transformation, der Gemeinschaft und des Zusammenhalts. Diese Geschichte sollten wir sichtbarer machen.

top: Sie sprechen bewusst von Gemeinschaft und weniger von Bier.

von Vacano: Ja, weil das Volksfest eben nicht einfach nur ein Bierfest ist. Wenn ich drei Wochen auf dem Festgelände unterwegs bin, sehe ich Familien, Freundeskreise, Unternehmen, Vereine und Generationen, die gemeinsam Zeit verbringen. Ich sehe Menschen, die sich begegnen, lachen und feiern. Für mich ist das Volksfest das Lagerfeuer der Region. Es ist der Ort, an dem die Region zusammenkommt. Das wird in der öffentlichen Wahrnehmung manchmal unterschätzt.

top: Gleichzeitig stehen Volksfeste immer wieder wegen steigender Preise in der Kritik. Wie sehen Sie diese Diskussion?

von Vacano: Natürlich verstehe ich die Diskussion. Viele Menschen spüren wirtschaftlichen Druck. Gleichzeitig dürfen wir uns nichts vormachen: Alles wird teurer. Personal, Energie, Sicherheit, Logistik – all das kostet mehr als noch vor einigen Jahren. Deshalb halte ich es für wichtig, den Wert solcher Veranstaltungen zu betrachten. Das Schöne ist: Jeder kann kommen. Niemand muss Eintritt bezahlen. Man kann über das Gelände schlendern, Atmosphäre genießen und Menschen treffen, ohne Geld auszugeben. Natürlich kann man dort auch viel Geld ausgeben. Aber die Möglichkeit zur Teilhabe bleibt erhalten – und das ist ein großer Wert.

top: Ein weiteres großes Thema ist der Weihnachtsmarkt. Welche Vision haben Sie dafür?

von Vacano: Der Stuttgarter Weihnachtsmarkt ist bereits eine äußerst erfolgreiche Veranstaltung. Die spannende Frage lautet für mich: Wofür steht er in Zukunft? Andere Städte haben sehr klare Profile. In Esslingen denkt man sofort an den Mittelaltermarkt, in Ludwigsburg an den Barock-Weihnachtsmarkt. Stuttgart muss seine eigene Geschichte erzählen. Dabei geht es nicht darum, alles neu zu machen. Im Gegenteil. Der Markt funktioniert hervorragend. Aber ich glaube, dass jede starke Veranstaltung auch eine starke Erzählung braucht.

top: Welche Themen könnten diese Erzählung prägen?

von Vacano: Zum Beispiel Verbundenheit. Stuttgart ist eine internationale Stadt. Rund die Hälfte der Menschen hat einen Migrationshintergrund. Wie können wir diese Vielfalt sichtbar machen? Wie bringen wir unterschiedliche Generationen und Kulturen zusammen? Weihnachten steht für Gemeinschaft. Vielleicht können wir diesen Gedanken künftig noch stärker erlebbar machen.

„Stuttgart ist im Veranstaltungsbereich ein sehr starker Standort.“

top: Sie sprechen oft davon, Menschen zusammenzubringen. Ist das für Sie auch eine gesellschaftliche Aufgabe?

von Vacano: Ja, absolut. Ich bin überzeugt, dass Veranstaltungen weit mehr leisten können als Unterhaltung. Sie schaffen Begegnungen. Sie bringen Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden. In Zeiten gesellschaftlicher Spannungen halte ich das für unglaublich wichtig. Wenn Menschen gemeinsam feiern, miteinander reden und positive Erfahrungen teilen, entsteht Zusammenhalt. Das kann keine politische Debatte ersetzen, aber es kann einen wichtigen Beitrag leisten.

top: Nachhaltigkeit spielt dabei ebenfalls eine Rolle?

von Vacano: Natürlich. Aber Nachhaltigkeit bedeutet für mich mehr als Pfandsysteme oder Energiesparlampen. Das gehört alles dazu. Doch Nachhaltigkeit hat auch eine soziale Dimension. Wie schaffen wir Teilhabe? Wie fördern wir Zusammenhalt? Wie stärken wir die Identifikation mit unserer Stadt? Veranstaltungen können dafür Plattformen sein. Sie können Impulse geben und Menschen inspirieren.

top: Stuttgart konkurriert mit vielen anderen Städten um Konzerte und Großveranstaltungen. Wo steht die Landeshauptstadt heute?

von Vacano: Aus meiner Sicht deutlich besser, als viele denken. Wir verfügen über hervorragende Veranstaltungsorte, eine hohe Veranstaltungsdichte und eine enorme Nachfrage. Viele Events sind regelmäßig ausverkauft. Deshalb wünsche ich mir manchmal etwas mehr Selbstbewusstsein. Stuttgart ist im Veranstaltungsbereich ein sehr starker Standort. Diese Stärke sollten wir stärker nach außen tragen.

top: Wenn Geld keine Rolle spielen würde: Welches Projekt würden Sie sofort umsetzen?

von Vacano: Ein großes Kulturfestival. Ich fände es faszinierend, wenn Oper, Festival der Kulturen, freie Kulturszene und viele weitere Akteure gemeinsam ein neues Format entwickeln würden. Stuttgart hat die Menschen, die Ideen und die Orte dafür. Das wäre etwas Besonderes.

top: Wo möchten Sie Stuttgart im Jahr 2030 sehen?

von Vacano: Ich wünsche mir eine Stadt, in der die unterschiedlichen Akteure noch enger zusammenarbeiten. Kultur, Sport, Messen, Märkte, Festivals und Veranstalter verfolgen letztlich dasselbe Ziel. Wir schaffen Räume für Begegnungen. Wenn wir es schaffen, diese Kräfte noch stärker zu bündeln und gemeinsam an einer Vision für Stuttgart zu arbeiten, dann hat diese Stadt enormes Potenzial. Und genau daran möchte ich in den kommenden Jahren mitarbeiten.

Das Gespräch führten Kirsi Fee Wilhelm und Matthias Gaul

Fotos: Maks Richter

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