„Ich bin Olympiasieger geworden, weil ich an diesem Tag sehr gut war“
Mit olympischem Gold hat sich sein Leben verändert – und irgendwie doch nicht. Im Gespräch mit top magazin erzählt der in Göppingen geborene Skispringer Philipp Raimund offen von Fokus und Tunnelblick während des größten Wettkampfs seiner Karriere, von Unsicherheiten beim Skifliegen und vom Umgang mit plötzlicher Aufmerksamkeit. Außerdem spricht der heute 26-jährige Sportsoldat der Bundeswehr über Materialtüftelei im modernen Skispringen, mentale Stärke, die weiteren Ziele nach dem Olympiasieg – und warum ihn Familie und Videospiele wieder erden.

top: Philipp, im Mai durftest du dich ins Goldene Buch der Stadt Göppingen eintragen. Was bedeutet dir diese Ehre?
Philipp: Sehr viel. Tatsächlich ist es sogar das erste Goldene Buch, in das ich mich überhaupt eingetragen habe. In Oberstdorf, der Stadt meines Skiklubs, habe ich es zeitlich noch nicht geschafft, genauso wenig wie in Berlin beim Verteidigungsminister oder in Bayern bei Markus Söder. Ich war direkt nach den Spielen erst auf Bundeswehrlehrgang und danach noch im Urlaub. Deshalb ist das hier tatsächlich mein erster Eintrag in eines dieser Goldenen Bücher. Und das macht mich schon stolz, weil so eine Ehre ja nicht selbstverständlich ist. Man muss erst einmal etwas geleistet haben, damit einem so etwas zuteil wird.
top: Wann hast Du selbst realisiert, dass du tatsächlich Olympiasieger bist?
Philipp: Ehrlich gesagt, passiert das bis heute immer nur stückweise. Jedes Mal, wenn ich kurz auf die Medaille schaue, wird es wieder ein bisschen realer. Aber insgesamt ist es immer noch schwer zu greifen. Natürlich merke ich, dass mich viele Menschen erkennen oder auf den Olympiasieg ansprechen. Manchmal ist es fast schade, weil viele erst einmal nur über die Goldmedaille reden wollen und nicht unbedingt über mich als Person. Aber grundsätzlich macht mir das Spaß. Gleichzeitig hat sich mein Leben gar nicht so extrem verändert, wie man vielleicht denken würde. Ich bin derselbe Mensch geblieben, mache denselben Sport, habe dieselben Aufgaben und dieselben Freunde – auch wenn jetzt vielleicht ein paar mehr meine Freunde sein wollen. Deshalb fühlt sich das alles nicht wie ein kompletter Umbruch an, sondern eher wie ein Prozess, den man nach und nach begreift.
top: Hattest du während des Wettkampfs schon früh das Gefühl, dass an diesem Tag etwas Großes möglich ist?
Philipp: Eigentlich schon nach dem zweiten Training. Das erste Training war noch eher durchschnittlich, vielleicht sogar etwas unter meinen Erwartungen. Aber ich habe mir gesagt, dass ich ruhig bleiben und mich auf meine Punkte konzentrieren muss. Im zweiten Training lief es dann richtig gut – Platz zwei, Platz eins, wieder Platz zwei, wieder Platz eins. Da habe ich gemerkt, dass etwas möglich ist. Den Probedurchgang am Wettkampftag habe ich gewonnen und nach dem ersten Wertungssprung lag ich vorne. Trotzdem war ich extrem fokussiert. Auf der kleinen Schanze ist alles unglaublich eng, deshalb weiß man nie sofort, ob der Sprung wirklich reicht. Ich habe nur gedacht: „Okay, ich bin im Rennen um die Medaillen.“ Dass ich vor dem zweiten Durchgang als Führender oben saß, war trotzdem eine besondere Situation.
top: Was war in diesem Moment entscheidend?
Philipp: Vor allem die Ruhe zu bewahren und komplett bei mir selbst zu bleiben. Ich wusste natürlich, dass es um eine Medaille geht und dass ein enormer Druck da ist – von mir selbst, von Trainern, vom Umfeld. Aber ich habe versucht, alles auszublenden. Genau das hat an diesem Tag außergewöhnlich gut funktioniert. Ich war so im Tunnel, dass ich sogar meine Teamkollegen weitgehend ignoriert habe. Nach dem ersten Sprung saß ich in der Kabine und habe mit niemandem gesprochen. Erst irgendwann hat mich Pius Paschke angestupst und gesagt, dass Vladimir Zografski mir viel Glück wünschen wollte. Ich habe kurz reagiert und war danach direkt wieder im Tunnel.
„Oben am Absprung versuche ich meistens maximal entspannt zu sein.“
top: Ist dieser extreme Fokus im Skispringen normal?
Philipp: Ja, absolut. Man muss in solchen Momenten alles ausblenden können, weil schon kleinste Ablenkungen entscheidend sein können. Es geht oft um Zentimeter oder sogar Millimeter. Natürlich spielen Wind und Anlauf ebenfalls eine große Rolle. Dafür gibt es zwar Kompensationen, aber hundertprozentig fair fühlt sich das nie an. Trotzdem ist das System mittlerweile schon ziemlich nah an einer gerechten Lösung.
top: Du hast auch die andere Perspektive kennengelernt – nämlich die des Athleten, der bei einem Großereignis nicht selbst im Mittelpunkt steht.
Philipp: Genau. Bei der Nordischen Ski-WM in Planica war ich zwar Teil des Teams, habe aber keinen Wettkampfeinsatz bekommen. Dadurch habe ich erlebt, wie man sich gegenüber Athleten verhält, die gerade im Fokus stehen. Man nimmt ihnen so viel Druck wie möglich ab, kümmert sich um Kleinigkeiten oder lässt sie einfach in Ruhe. Manche brauchen Gespräche, andere wollen komplett für sich sein. Mein Team hat das bei Olympia extrem gut gemacht. Trainer und Teamkollegen haben mir viel Druck genommen und mir das Gefühl gegeben, dass alles passt. Ohne diese Unterstützung hätte ich das wahrscheinlich nicht so hinbekommen.

top: Hast Du vor einem Sprung feste Rituale?
Philipp: Ja, auf jeden Fall. Zum Beispiel habe ich eine ganz bestimmte Reihenfolge, wie ich die Keile einsetze wie ich in meinen Anzug einsteige. Oben am Absprung versuche ich meistens maximal entspannt zu sein. Wenn man Bilder von mir sieht, wirke ich dort fast schon zu locker. Aber genau das ist der Plan: möglichst wenig Spannung verschwenden, damit im entscheidenden Moment alles verfügbar ist. Kurz vor dem Start gehe ich dann noch einmal meine technischen Punkte durch, überprüfe die Bindung – und dann geht es los.
top: Viele waren überrascht, dass ein Olympiasieger im Skispringen mit Höhenangst kämpft. Wie wirkt sich das auf deinen Alltag aus?
Philipp: Im normalen Trainingsalltag eigentlich gar nicht. Das Problem wurde vor allem beim Skifliegen deutlich. Skifliegen ist noch einmal eine ganz andere Dimension. Man sitzt deutlich höher und schaut viel weiter nach unten. Damals kam dazu, dass ich noch nicht viel Erfahrung hatte und dadurch eine gewisse Unsicherheit entstanden ist. Gemeinsam mit meinem Mentaltrainer habe ich dann analysiert, woher diese Angst eigentlich kommt. Dabei haben wir festgestellt, dass es weniger die Höhe selbst war, sondern eher die Unsicherheit im Umgang mit der Situation. Wir haben dafür konkrete Strategien entwickelt und seitdem ist das Problem deutlich kleiner geworden. Letztes Jahr hatte ich beim Skifliegen überhaupt keine Schwierigkeiten mehr. Das hat mir gezeigt, dass die Ursache tatsächlich eher Unsicherheit als reine Höhenangst war.
„Praktisch jedes Jahr gibt es neue Vorgaben.“
top: Welche Rolle spielt das Material im modernen Skispringen?
Philipp: Eine enorme. Die größten Innovationen waren sicher der Wechsel vom Parallelstil zum V-Stil und später die Einführung der Stabbindung, die damals mit Simon Ammann verbunden war. In den letzten Jahren gab es dagegen eher kleinere individuelle Verbesserungen. Der Anzug wird ja exakt auf den jeweiligen Athleten angepasst. Da geht es oft um minimale Details.
top: Trotzdem kommt es immer wieder zu Disqualifikationen wegen der Anzüge. Wie kann das passieren?
Philipp: Das Problem ist, dass sich die Regeln ständig ändern. Praktisch jedes Jahr gibt es neue Vorgaben. Das bedeutet, dass Anzüge aus der Vorsaison oft komplett wertlos werden. Außerdem sind viele Regeln nicht immer eindeutig formuliert oder werden unterschiedlich interpretiert. Dazu kommt, dass das Material weich ist und sich durch Feuchtigkeit, Temperatur oder Belastung verändert. Schon ein halber Zentimeter kann am Ende entscheidend sein. Deshalb passieren solche Disqualifikationen manchmal, obwohl die Teams natürlich versuchen, alles korrekt umzusetzen.
top: Woran arbeitest du sportlich momentan am meisten?
Philipp: Im Moment sind wir noch in der Kraftphase und noch nicht wieder voll im Sprungtraining. Aber grundsätzlich geht es für mich darum, meine Kraft besser zu bündeln und effizienter einzusetzen. Außerdem möchte ich meinen Flug weiter verbessern, damit ich noch mehr Geschwindigkeit nach vorne aufbauen kann. Gerade beim Skifliegen merkt man, wie wichtig die Flugqualität ist.
top: Viele Athleten sprechen vom perfekten Gefühl am Absprung. Kann man beschreiben, wie sich ein idealer Sprung anfühlt?
Philipp: Eigentlich kaum. Das ist extrem individuell. Man braucht die richtige Position, den richtigen Druck, die richtige Ski- und Körperführung und natürlich das passende Fluggefühl. Aber dieses perfekte Gefühl in Worte zu fassen, ist unglaublich schwierig.
top: Merkt man direkt beim Absprung, ob ein Sprung gut wird?
Philipp: Oft schon. Wenn man zu aggressiv oder zu passiv ist, merkt man das sofort. Natürlich kann man im Flug noch etwas korrigieren, aber je kürzer die Flugzeit ist, desto weniger Möglichkeiten hat man. Schon ein halber Meter zu früh oder zu spät am Absprung kann am Ende mehrere Meter Unterschied ausmachen.
top: Was erdet dich, wenn du nach Hause kommst?
Philipp: Vor allem meine Freundin und meine Familie. Mit ihnen kann ich ganz normal reden, mich freuen oder auch mal über Dinge aufregen. Das hilft enorm. Außerdem spiele ich sehr gerne Videospiele. Ich verbringe viel Zeit am PC und das ist für mich tatsächlich Entspannung. Früher war ich dort deutlich kompetitiver, heute geht es mir eher um den Spaß und darum, Zeit mit Freunden zu verbringen.
top: Welche persönlichen Ziele treiben dich aktuell an?
Philipp: Im Moment ist es mein vorrangiges Ziel, mit allem umzugehen, was durch den Olympiasieg entstanden ist. Es gibt plötzlich unglaublich viele Termine, Aufgaben und Erwartungen. Ich möchte lernen, das alles gut zu organisieren und daran zu wachsen, ohne mich darin zu verlieren. Ich glaube, dass mir diese Erfahrungen auch für die Zeit nach dem Sport helfen werden.
top: Und sportlich?
Philipp: Natürlich steht die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr im Mittelpunkt. An die Kleinschanze in Falun habe ich gute Erinnerungen, dort bin ich Schanzenrekordhalter und stand schon auf dem Podest. Mein Ziel ist klar, wieder um Medaillen mitzuspringen – sowohl im Einzel als auch mit dem Team. Außerdem bleibt die Vierschanzentournee ein großes Ziel. Jeder fragt irgendwann nach dem nächsten deutschen Tourneesieger. Das bringt Druck mit sich, aber gleichzeitig ist es natürlich eine enorme Motivation. Dafür werde ich definitiv arbeiten.
top: Und ein bisschen Glück gehört wahrscheinlich auch dazu.
Philipp: Definitiv. Ich bin Olympiasieger geworden, weil ich an diesem Tag sehr gut war – aber ein kleines bisschen Glück braucht man im Sport immer.
Das Gespräch führten Kirsi Fee Wilhelm und Matthias Gaul
Fotos: Maks Richter
